Wie wollen wir uns heute an gestern erinnern? Ist tatsächlich alles schon gesagt? Agorayouth hat mit Elisabeth Subasic und Soultana Zorpidou gesprochen, die diese Fragen in der deutsch-griechischen Jugendbegegnung „Erinnere dich! Neu (Ge)Denken“ in Köln und in Kastoria angehen wollen.

Agorayouth: Sie beide planen seit einiger Zeit eine deutsch-griechische Jugendbegegnung mit dem Titel „Erinnere dich! Neu (Ge-)Denken“ – erst Anfang/Mitte Juli in Köln und dann 2022 im griechischen Kastoria. Wie ist die Zusammenarbeit entstanden?
Elisabeth Subasic (Evangelische Schüler und Schülerinnnenarbeit im Rheinland): Sultana Zorpidou und ich haben uns auf dem Deutsch-Griechischen Jugendforum 2018 in Köln kennengelernt. Dort entdeckten wir unser gemeinsames Interesse an Erinnerungsarbeit. Wir standen länger in Kontakt, bevor wir beschlossen, einen Jugendaustausch zu realisieren. Sultana hat langjährige Erfahrungen in der Erinnerungsarbeit in ihrer Region. 
Soultana Zorpidou: Die Idee entstand auch aus der Notwendigkeit, junge Menschen in beiden Ländern für die nicht so alte und gar nicht einfache Geschichte der NS-Zeit, der deutschen Okkupation in Griechenland und den Holocaust zu sensibilisieren. Elisabeth und ich waren uns einig, dass die Jugend sich langsam aber sicher von den Erfahrungen und dem Wissen dieser Geschichte entfernt, unter anderem, weil offizielle Zeremonien und Gedenktage in beiden Ländern keine Kraft mehr entfalten. Wir sehen heute, wie die Jugend sich aus den Inhalten und Paradigmen der Geschichte entfernt. Das ist alarmierend.

Gilt das aus Eurer Erfahrung auch für den Schulunterricht?
Zorpidou: Der Unterricht in der Schule ist oftmals eine reine Notwendigkeit, es gibt keine Rituale oder Ausdrucksformen, die junge Menschen ansprechen oder sie in einem Prozess einbeziehen. So war für uns klar: Wir müssen gegen das Vergessen arbeiten und europäische und nationale Geschichte erfahrbar und schmackhaft machen. Geschichte vor Ort entdecken – ohne Bücher lesen zu müssen – sich darüber austauschen, kreativ sein und Ideen entwickeln, wie man das Gedenken neu gestalten kann und sich zu fragen: Was genau ist der Holocaust und warum ist er heute für mich persönlich wichtig?

Und daraus entstand auch der Titel der Jugendbegegnung hin zu einer neuen Erinnerungskultur?
Subasic: Ja, wir haben uns viel über unsere Besorgnis ausgetauscht, dass rechtes Gedankengut weltweit zunehmend an Raum gewinnt und von weiten Teilen der Gesellschaft zumindest nicht abgelehnt wird. Deutschland sieht sich gern als „Erinnerungsweltmeister“ in Bezug auf die Aufarbeitung der Zeit des Nationalsozialismus. Wenn das aber so ist, warum haben rechte Parteien derartig Zulauf? Wir fragen uns, ob die offizielle Erinnerungskultur, große, feierliche, aber eventuell ritualisierte Gedenkveranstaltungen und auch die gelehrte Geschichte ausreichen, um die Erinnerung an Nazi-Verbrechen wach zu halten.

Sultana, du bist Archäologin, Kulturwissenschaftlerin  und Trainerin für interkulturelle Kommunikation – das Thema Erinnerungskultur ist in deinem Wohnort Kastoria in Westmakedonien ein immer Präsentes. Mitte 1941 wurde die Stadt von deutschen Truppen erobert, 1944 wurden etwa 1.000 in der Stadt lebende Jugend deportiert. Das Thema der Jugendbegegnung ist also auch eng mit deiner eigenen Geschichte verknüpft?
Zorpidou: Ja, ich habe zum ersten Mal nach dem Krieg in 2015 die Erinnerungstage an die verlorene jüdische Gemeinde Kastorias aktiv ins Leben gerufen, darauf bin ich sehr stolz. Was am Anfang als kleine Bürgerinitiative gestartet ist, wird mit einer Hand voll Freunden jetzt jedes Jahr als offizieller Gedenktag organisiert. Das zeigt, dass auch ein einzelner Mensch den Lauf der Dinge und den Kurs der Geschichte ändern kann. Deswegen wollen wir den Jugendlichen die Möglichkeit bieten, von der passiven Rolle der Aufnahme in die Rolle der aktiven Gestaltung zu springen und wieder zurück.

Die Idee der Jugendbegegnung ist es auch, die Geschichte der eigenen Region besser kennenzulernen und zu verstehen. Was ist denn im Juli in Köln geplant? 
Subasic: Wir planen, Erinnerungsorte zu besuchen, die als solche nicht breit im Stadtgedächtnis verankert sind. Neben einem Besuch des NS-Dokumentationszentrums sind auch Besuche des Messegeländes in Deutz, das als Lager fungierte, sowie der Gedenkstätte am ehemaligen Deportationslager in Müngersdorf, die erst 2020 eingeweiht wurde, geplant. Wir wollen die Jawne besuchen, eine jüdische Schule, die bis 1942 betrieben wurde und von der aus Kindertransporte zur Rettung jüdischer Kinder nach Großbritannien organisiert wurden. Und es soll auch etwas am blitzblanken, weltoffenen Image Kölns gekratzt werden: Die Stadt hat sich mit besonders schwerer Verfolgung der jüdischen Bevölkerung schon in den frühen 1930er Jahren nicht mit Ruhm bekleckert. Durch das Nachvollziehen persönlicher Schicksale möchten wir eine emotionale Verbindung zu dieser Zeit schaffen und lebendig nachvollziehen, was die Verfolgung für die Stadtgesellschaft bedeutete. Damit möchten wir unterstreichen, warum das Gedenken auch heute noch so wichtig ist und die Jugendlichen ermutigen, sich selbst kreativ für Erinnerung einzusetzen.

Aus der gemeinsamen Beschäftigung mit den Orten und Themen lassen sich bestimmt Brücken nach Kastoria schlagen?
Zorpidou: 
Mein Eindruck ist, dass sehr viele Jugendliche, ob in Kastoria oder in Köln, den Kontakt zu der Geschichte des zweiten Weltkriegs verloren oder gar nicht erst richtig gefunden haben. Es scheint so weit in der Vergangenheit zu liegen, wie die Kriege der Griechen gegen die Perser. Während die NS-Zeit in den deutschen Schulen intensiv unterrichtet wird, findet sie im griechischem Schulstoff keine richtige Beachtung. Diese schwere Geschichte aus zwei Perspektiven gemeinsam zu erfahren, wird sicher Spannungen und sogar Konflikte hervorbringen. Wir werden Raum für alles anbieten: Für die Geschichtswissenschaft, für die subjektive Erfahrung, für das kollektive Gedächtnis, für die Fragen, die wir noch nicht kennen. Die Zukunft Europas ist eine gemeinsame Aufgabe der deutschen und griechischen Jugendlichen und sie sollen sich dieser Verantwortung bewusst werden. 


An Ostern 2022 soll, wenn alles gut geht, die Rückbegegnung in Kastoria stattfinden. Die Stadt ist keine Großstadt wie Köln, aber nicht minder spannend – was erwartet die Jugendlichen dort?
Zorpidou: Kastoria zählt zu den „Top 5“ der schönsten Kleinstädte Griechenlands und das soll natürlich auf den Prüfstand gestellt werden. Es gibt viel zu entdecken, angefangen von den byzantinischen Kirchen mit Fresken aus dem 11. Jahrhundert bis hin zu den atemberaubenden Landschaften um den See. Kastoria ist ein Freilichtmuseum für Architektur und ein offener zoologischer Garten. Die Vielfalt der Flora und Fauna in der Stadt ist einmalig. Wir sind bekannt für unsere authentische Gastfreundschaft und das sehr gute Essen. Wandern, Rudern, Klettern, Wasserski – das alles sind Aktivitäten, die in Kastoria zum Alltag gehören, alles in der freien Natur. Und dann, natürlich, die Geschichte der deutschen Okkupation, der verlorenen jüdischen Gemeinde und der Märtyrerdörfer, das ist viel Lernstoff.

Momentan darf leider eine Frage nicht fehlen: Wie ist es, unter Corona-Bedingungen zu planen? Könnte die Begegnung notfalls auch digital stattfinden?
Subasic: Wir hoffen, die Begegnung im Juli in Präsenz stattfinden lassen zu können – sollte die Corona-Lage das nicht erlauben, wollen wir eine hybride Veranstaltung organisieren, bei der sich die deutsche und die griechische Gruppe jeweils im eigenen Land treffen und sich digital austauschen. Inzwischen gibt es viele Methoden und Möglichkeiten, wie solche Formate spannend gestaltet werden können. Momentan fehlen uns noch deutsche Teilnehmende, und wir hoffen sehr auf Anmeldungen bis zum 5. Mai, da wir leider nicht die Möglichkeit haben, das Projekt zu verschieben.
Zorpidou: Wir sind flexibel und spontan und werden immer einen Plan B haben, das ist doch die griechische Spezialität! Diese Herausforderung wird Teil des Projekts sein und die Teilnehmenden werden uns sicher auch mit kreativen Lösungen überraschen. Man muss lernen, das Leben so zu nehmen wie es kommt und immer das Beste daraus machen – das ist meine persönliche Spezialität.

Mehr Informationen auch beim ESR online

Interview: Lisa Brüßler
Fotos: ESR e.V. und Soultana Zorpidou

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