Miteinander arbeiten statt übereinander reden: Eine Gruppe angehender Geschichtsvermittler aus Berlin machte sich im vergangenen Herbst auf zu einer Begegnung mit Studierenden aus Kreta. Im Gepäck hatten sie Prototypen von Lernmodulen und App-Inhalten für das Lernen aus der Geschichte in binationalen Gruppen. Was sich in dort gezeigt hat, hat agorayouth Vasco Kretschmann vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge gefragt.

Agorayouth: Herr Kretschmann, Sie sind Fachbereichsleiter beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge für friedenspädagogisches Arbeiten an Schulen und Hochschulen. Wie ist Ihr Projekt für gemeinsam entwickelte deutsch-griechische Lernmaterialien im außerschulischen Kontext entstanden?
Vasco Kretschmann: 
Die ersten Ideen für das Projekt kamen über den Masterstudiengang „Public History“ der Freien Universität Berlin. Dort gibt es Praxismodule, in denen der Studiengang mit unterschiedlichen Organisationen zusammenarbeitet und Studierende befähigt, etwa eine Ausstellung zu konzipieren oder Bildungsmaterialien für Jugendliche zu kreieren. Solche Kooperationen bieten den Studierenden einen praktischen Mehrwert und wir als Volksbund bekommen dadurch neue Impulse.

Im Oktober vergangenen Jahres wurde in der Kriegsgräberstätte Maleme auf Kreta eine neue Dauerausstellung eröffnet – spielte die bei den Überlegungen auch eine Rolle?
Ja, es war für uns schnell klar, dass Gruppen, die dorthin kommen, mehr machen können müssen, als „nur“ die Ausstellung zu besichtigen. Sie sollen den Ort mit didaktischem Material genauer erkunden können und sich mit den deutsch-griechischen Beziehungen beschäftigen können. Viele Jugendliche wissen nicht, was eine Kriegsgräberstätte genau ist. Unsere Idee ist, dass sie durch einen leichteren Zugang und die Aufbereitung mehr sehen als ein Feld mit Steinen.

Ihr Partner für die Studierendenbegegnung war die Etz Hayyim Synagoge in Chania. War immer klar, dass die Begegnung stattfinden kann inmitten der Pandemie?
Für uns war klar, dass wir die Lernmodule zusammen mit griechischen Partnern testen und ausprobieren wollen und wir sind sehr froh, mit der alten Synagoge einen tollen Partner gefunden zu haben. Dass wir Ende Oktober 2021 mit den Studierenden nach Kreta reisen konnten, war wegen der Pandemie lange sehr ungewiss. Zwischendurch haben wir gar nicht mehr damit gerechnet, dass es zu diesem Projekt-Höhepunkt kommt.

Mit welchen Herausforderungen hatten es die Teilnehmenden zu tun?
Die angehenden Geschichtsvermittler aus Deutschland mussten sich im Vorhinein und vor Ort in mehrere Sachverhalte einarbeiten: Erstens in die deutsch-griechische Geschichte des Zweiten Weltkriegs, zweitens in die Frage, wie Bildungsmaterialien für einen außerschulischen Lernort konzipiert werden und drittens in die Thematik, wie eine Kriegsgräberstätte überhaupt funktioniert und welche Kontroversen es darum gibt.

Das war für die griechische Gruppe bestimmt anders…
Ja, es war eine enorme Bereicherung, dass sie sich so gut mit der Geschichte, den Orten sowie den Kontroversen im Land auskannten! Man muss wissen, dass die Kriegsgräberstätte in Maleme lange als Ort wahrgenommen wurde, an dem Geschichte und die deutsche Besatzung Griechenlands verherrlicht wurde. Die griechische Gruppe hat in einer Presseschau die Problematik aufgezeigt, dass der Ort rechtsextreme Gruppen angezogen hat. Bis die neue Dauerausstellung eröffnet wurde, fehlten Informationen zum Kontext der Kriegsgräberstätte und dazu, was die Deutschen auf der Insel angerichtet haben.

Auf der Kriegsgräberstätte ruhen 4.468 Angehörige der Wehrmacht, die die Insel 1941 besetzt hatten, unter ihnen auch verurteilte Kriegsverbrecher.

Und dieses gemeinsam erarbeitete Wissen ist in die Materialien eingeflossen?
Ja, es gibt vier Module, also Lerneinheiten mit einem didaktischen Kommentar für die Lehrkräfte oder Teamer. Die Arbeitsblätter oder App-Inhalte richten sich an alle ab der 10. Klasse, also dem Alter 16 bis 18 Jahre. In dem ersten gemeinsamem Praxistest haben wir gemeinsam geprüft und überarbeitet, was im halben Jahr davor schon entstanden war.

Was sind das genau für Lernmodule?
Drei von den vier Modulen kann man unabhängig von der Kriegsgräberstätte nutzen im deutsch-griechischen Bildungskontext. Das erste Modul ist eine allgemeine Auseinandersetzung mit dem, was Gedenken bedeutet und, was damit verbunden wird. Das zweite Modul enthält Biographien von Deutschen und Griechen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, die mit der Zeit der deutschen Besatzung Griechenlands zu tun haben. Da geht es um Lebensläufe, aber auch um ihr Erinnern an diese Zeit und die klassische Quellenanalyse wird angewandt. Das dritte Modul behandelt Karikaturen aus den vergangenen zehn bis zwanzig Jahren aus deutschen und griechischen Tageszeitungen. Vor allem zu den Themen Eurokrise und Reparationen sind sehr viele Stereotype wieder aufgekommen.

Die sind dann jeweils auf Deutsch und auf Griechisch verfügbar? 
Genau, bei den Karikaturen steht immer eine Übersetzung daneben. In dem Modul gibt es ein bisschen Kontext und der Fokus liegt auf der gemeinsamen Analyse, dass sich das Wissen um den jeweiligen Länderkontext gegenseitig ergänzt. Vor Ort haben wir auf Englisch zusammengearbeitet, aber die Materialien sind bisher nur auf Deutsch ausgearbeitet in der jetzigen Rohversion. Wenn sie in den Einsatz kommen, sollen sie auf Englisch oder wenn man es schafft auch auf Griechisch übersetzt werden

Fehlt noch das vierte Modul. Das behandelt dann vor allem die Kriegsgräberstätte?
Ja, das ist ein interaktives Modul zur Erkundung des Ortes. Man schaut sich mit der Gruppe die Ausstellung an und macht dann mit der Lern-App „Actionbound“ eine Art virtuelle Schnitzeljagd. Dafür muss man verschiedene Orte, wie bestimmte Grabsteine von Personen aufsuchen, die Biographien kennenlernen und Fragen beantworten. Etwa auch dazu, ob diese Person dort überhaupt liegen sollte, zum Beispiel wenn sie Kriegsverbrechen begangen hat. Es gibt auch eine Hörstation mit Zeitzeugen-Gesprächen. Die Idee ist, eine aktive Meinungsbildung anzustoßen.

Was hat sich gezeigt beim gemeinsamen Arbeiten und den Tests der Module? 
Beim Testen der Karikaturen war es hoch spannend, dass die griechischen Studierenden teilweise ganz andere Dinge darin erkannt haben, als die deutschen und dann Zusammenhänge gemeinsam gesehen haben. Das war im Prinzip eine Art Testdurchlauf dafür, wie das dann bei einer Jugendbegegnung sein könnte, ob es klappt, und wo man noch nachsteuern muss. Man hat oft gemerkt, dass die Studierenden auf einer Wellenlänge waren und für die deutschen Studierenden ist es im Verlauf der Begegnung zu einer Art Mission geworden, dass die Kriegsgräberstätte ein Mahnmal und eine Warnung gegen Militarismus und für den Dialog wird. Wir haben auch zusammen einige sogenannte Märtyrerdörfer besucht. Das war sehr bereichernd, denn so entstehen nicht nur Betroffenheit, sondern Verständigung und Dialog.

Wie geht es jetzt weiter mit den Materialien?
Wir wollen die Prototypen noch nicht veröffentlichen, weil das erstmal ein Vorschlag von Studierenden ist. Unsere Idee ist, dass wir die Materialien in diesem Jahr bei Workcamps und Jugendbegegnungen sowie Fortbildungen für Lehrkräfte zur Anwendung bringen und weiter testen. Die alte Synagoge hat die Materialien natürlich auch bekommen. Wir können uns auch vorstellen, so etwas nochmals zu machen und um weitere Module und historische Orte zu ergänzen.


An den Materialien interessierte Träger können sich melden unter: schule@volksbund.de


Interview: Lisa Brüßler
Fotos: Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.


Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht-kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.