»Viele Baustellen«

In den vergangenen Wochen hatten Organisationen aus Deutschland und Griechenland Gelegenheit, ihre Perspektive auf den Start des Deutsch-Griechischen Jugendwerks darzulegen. Jetzt soll das Jugendwerk zu Wort kommen: Agorayouth hat Generalsekretär Gerasimos Bekas in Leipzig getroffen, der vom schwierigen Start berichtet und erklärt, warum das Jugendwerk ein Paradiesvogel ist.

Agorayouth: Das Deutsch-Griechische Jugendwerk (DGJW) ist am 1. April gestartet – anfangs bestand es nur aus dir und deiner Generalsekretärs-Kollegin in Thessaloniki. Wie ist der Start aus deiner Sicht gelaufen?
Gerasimos Bekas: Wir sind eine internationale Organisation und das ist administrativ sowohl in Deutschland als auch in Griechenland eine Art Paradiesvogel, der für viele mehr Probleme macht, als Positives bringt. Zum Glück können wir uns mit dem Deutsch-Polnischen Jugendwerk (DPJW) und dem Deutsch-Französischen Jugendwerk (DFJW) austauschen. In der Anfangsphase haben wir die meiste Kraft darauf verwendet, dass wir trotz des plötzlichen Starts möglichst schnell und effizient arbeitsfähig waren. Seit wir die ersten Kolleg*innen eingestellt haben, läuft das immer besser, aber es geht natürlich nicht von heut auf morgen. Toll an unserer Zusammenarbeit ist, dass sich sehr schnell das Gefühl eingestellt hat, dass wir uns schon seit Jahren kennen – obwohl es ja gerade drei Monate sind. Persönlich getroffen haben wir uns das erste Mal bei der Eröffnung des Bankkontos Anfang Juni in Leipzig.  

© Jens Ahner

Sind denn inzwischen alle Stellen besetzt? 
Am 1. Juni hat die Assistenzkraft aus Berlin im Büro in Thessaloniki angefangen und auch die Förderreferate Schulischer und außerschulische Austausch sind komplett. Die Verwaltungsleitung in Thessaloniki ist besetzt – jetzt fehlen noch das Äquivalent in Leipzig und die Stellen für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. 

Ihr habt eine Reihe von Anfragen bekommen in den ersten Monaten. Wie ist eure Sicht der Dinge auf die Wünsche der Trägerlandschaft an euch?
Wir hatten mit den Trägern einen schwierigen Start. Wir haben später kommuniziert als uns lieb war, aber es gab sehr viele Details, die wir regeln mussten. Und wenn man zu viele Sachen auf einmal, gleichzeitig und alleine macht, lassen sich einige Fehler nicht vermeiden. Natürlich wäre es gut gewesen, einen Vorlauf von einem halben Jahr zu haben, um Personal einzustellen oder Dinge wie die Förderrichtlinien zu hinterfragen. Aber es war nun mal nicht so, sondern, die Herausforderung war, etwas zu tragen, während man es noch strickt. 

Unsere Herangehensweise war es, gewisse Strukturen zu schaffen, um Handlungssicherheit zu haben, bevor man kommuniziert. Teilweise hängt auch nicht nur von uns ab, was erforderlich ist, zum Beispiel was die Originalunterschrift auf den Anträgen angeht. Langfristig werden wir ein Online-Verfahren übernehmen, aber dazu brauchen wir einen ordentlichen Vorlauf und Mittel, die im Haushalt veranschlagt und bestätigt werden müssen.

Viel Kritik gibt es an den bürokratischen Prozessen…
Natürlich wollen wir nicht komplizierter sein als nötig, aber wir können bestimmte Verfahren nicht übergehen. Die Kombination der bürokratischen Erfordernisse beider Länder war extrem aufreibend. Ich sehe das als strategische Partnerschaft mit den Trägern: Wir brauchen sie und sie brauchen uns. Nicht so hilfreich war, als uns Träger Hinweise auf die KJP-Richtlinien geschickt haben –  wir sind eine internationale Organisation, das DGJW soll kein Export nach Griechenland sein. Wir versuchen, zusammen etwas aufzubauen, auch wenn es in Deutschland natürlich einen Wissensvorsprung gibt, was Jugendwerke, die Förderstrukturen und die Professionalisierung von Jugendarbeit angeht. So etwas wie Zentralstellen, das kennt man in Griechenland gar nicht: Da scheitert es nicht an der Sprache sondern an der Vorstellungskraft.

Ihr seid auf vielen Ebenen im Neuland unterwegs. Kannst du ein Erlebnis mit uns teilen aus den vergangenen Wochen, das das verdeutlicht?
(lacht) Klar! Zum Beispiel habe ich zwar eine griechische Steuernummer, weil ich dort bereits gearbeitet habe, aber wenn sie mich eintragen, wollen sie auch meinen griechischen Ausweis. Den habe ich aber nicht – unvorstellbar für einige, wie das mit einem griechischen Namen sein kann. In Deutschland wiederum sagen sie zum griechischen Ausweis meiner Generalsekretärs-Kollegin, dass sie damit nichts anfallen können, weil da kein Gültigkeitsdatum draufsteht. Das heißt, meine Kollegin musste erst einen Reisepass beantragen, um den Termin für die Eröffnung des Bankkontos hier in Leipzig zu bekommen. Als wir dann bei der Bank waren, wollten sie unsere Ausweise gar nicht sehen…

Wie lief denn die erste Antragsrunde? 
Wir waren schon überrascht, dass es knapp 50 Anträge in der ersten Runde gab – da waren viele spannende Projekte bei! Mein Eindruck ist, dass es gut gelungen ist, die Anträge abzuarbeiten. Das war auch die Rückmeldung von den Trägern, dass sie damit nicht gerechnet hatten. Das freut uns natürlich, dass wir es nach dem vielen Misstrauen geschafft haben, positiv zu überraschen.

Was meinst du genau mit Misstrauen?
Das ist etwas, das wir ein Stück weit geerbt haben. Es kam zum Beispiel die Frage: „Gibt es euch denn jetzt wirklich?“ ein bisschen mit der Konnotation: ‚Wo ist der Haken nach all den Jahren Anbahnungsphase?’. Dadurch, dass es eine deutsche Initiative war, beginnt es nach meinem Gefühl erst jetzt in Griechenland, dass die Organisationen wirklich verstehen, dass das DGJW ihr Projekt ist. Das funktioniert, weil wir jetzt Leute dort haben, die ansprechbar sind. Da gab es viele freudige Stimmen, die ich vorher nicht kannte. Einige haben uns zurückgemeldet, dass sie gerne Zentralstelle werden würden. Aber natürlich helfen auch die Leute, die vorher schon in Kontakt mit dem Sonderprogramm und den europäischen Programmen waren und die Jugendwerks-Idee verstanden haben und letztlich einfach vorfreudig waren. 

Du hast schon an deinen ersten Veranstaltungen als Generalsekretär teilgenommen: Was hat dich überrascht im ersten halben Jahr deiner Arbeit? 
Auf der einen Seite ist vieles so, wie ich es erwartet habe. Ich hatte die Hoffnung, positiv überrascht zu werden, das bin ich eher nicht. Auf der anderen Seite gab es noch keinen Tag, an dem ich gedacht habe, dass es egal gewesen wäre, ob ich zur Arbeit gehe oder nicht. Manchmal hat es uns heruntergezogen wenn wir gesehen haben, welchen Berg an Problemen es gibt und da war es dann toll in den Sozialen Medien zu sehen, wie die ersten Projekte stattgefunden haben und das mit den Kolleg*innen zu teilen. Da haben wir uns gesagt: Guckt, dafür machen wir das alles.

Wie geht es denn im restlichen Jahr weiter? Was ist noch geplant in 2021?
Es gibt viele verschieden Baustellen, weil wir neben dem Regelbetrieb und der Aufbauarbeit gucken müssen, wie es weiter geht und uns auch um Drittmittel kümmern müssen. Der erste große Meilenstein war die zweisprachige digitale Infoveranstaltung am 30. Juni, da wollten wir auch aus der ersten Veranstaltung lernen. Wir haben zudem im Juni ein Fördercafe jeden Mittwochmittag, abwechselnd auf Deutsch und Griechisch, eingeführt, weil wir gemerkt haben, dass es einen Bedarf für zwangloseren Austausch gibt. 

Uns haben sehr viele und teils sehr unterschiedliche Anfragen hinsichtlich der Partnersuche erreicht, weshalb wir uns jetzt schon sehr darauf freuen, in der zweiten Jahreshälfte eine Trägerkonferenz in Thessaloniki zu organisieren. Da stimmen wir noch den Termin ab. Im Dezember planen wir außerdem noch eine Fachkonferenz für Erinnerungsarbeit.


Gerasimos Bekas wuchs in Griechenland und Franken auf. Der 34-Jährige ist Schriftsteller und Politologe und seit Oktober 2020 mit dem Aufbau des Deutsch-Griechischen Jugendwerks von Leipzig aus betraut.


Interview: Lisa Brüßler

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