Der Griechische Elternverein im baden-württembergischen Kornwestheim wurde im Jahr 1965 gegründet – der Überlieferung nach von typischen griechischen Gastarbeitern. Efstathios Persidis, erster Vorsitzender des Vereins, erzählt von den Wurzeln und Veränderungen und berichtet von aktuellen Problemen durch die Pandemie – aber auch von Zukunftsmusik im deutsch-griechischen Jugendaustausch.

Agorayouth: Herr Persidis, den griechische Elternverein in Kornwestheim gibt es seit 1965. Was wissen Sie über die Entstehung des Vereins?
Efstathios Persidis: Der Griechische Elternverein Kornwestheim (offiziell: Verein Griechischer Eltern und Vormünder Stadt Kornwestheim e.V.) wurde der Überlieferung nach 1965 von typischen griechischen Gastarbeitern gegründet. Dieser Generation, die lediglich mit einem Koffer in der Hand in die Ferne ging, um eine bessere Zukunft für sich oder ihre Familien zu finden, war Bildung stets ein hohes Gut und sie sah keinen Konflikt zwischen Herkunft und Integration. So schickten die Gastarbeiter ihre Kinder gerne in die deutschen Schulen. Aber da man ja nach fünf Jahren wieder in die Heimat wollte – so die damals und für viele Jahre verbreitete Meinung – brauchte man eine Alternative. 

Und die bot der Verein?
Ja, unser Verein eröffnete in den 1970er Jahren als einer der ersten in Baden-Württemberg eine griechische Schule im Gebäude der Silcherschule Kornwestheim. Diese wurde nachmittags nach der regulären Schule besucht. Die Geschichte hat gezeigt, dass die berühmten fünf Jahre immer wieder um mindestens ein weiteres Jahr verlängert wurden – welcher Grieche in Deutschland hat diese Geschichten nicht von seinen Eltern gehört?

Der Unterricht wird auch heute noch angeboten, nur hat sich der Fokus verschoben…
Inzwischen ist die griechische Schule keine Institution mehr, um Kinder auf ihre Zukunft in Griechenland vorzubereiten, sondern bietet eine der wenigen Möglichkeiten, sich mit der eigenen Herkunft oder der der Eltern bzw. Großeltern auseinanderzusetzen. Schließlich gilt: Zukunft braucht Herkunft. Da der Grieche bekanntlich gerne und laut feiert, durften aber auch die traditionellen Tänze nicht vergessen werden. Die Mitglieder nutzten jede Gelegenheit praktisch zu üben und fanden regelmäßig Vorwände, um Feiern zu organisieren. Über Generationen hinweg haben die griechischen Elternvereine die griechische Community auf diesem Weg begleitet. Auch wir versuchen die Tradition der Gründungsmitglieder fortzuführen und gleichzeitig den deutschen Mitbürgern zu zeigen, dass der „Greek Way“ mehr ist als das, was bei vielen Deutschen während der Euro-Schuldenkrise hängen geblieben ist.

An wen richten Sie sich als Verein? 
Unser Verein richtet sich an Mitbürger, deren Äste in Deutschland wachsen, aber deren Wurzeln in irgendeiner Form in Griechenland stecken. Wir bieten Sprachunterricht an, der nach Ablegen einer Sprachprüfung wie das Beherrschen einer Fremdsprache nach festgelegten Niveaus anzusehen ist. Grundsätzlich steht dieser Unterricht jedem Kind und Jugendlichen offen – auch ohne vorherige Sprachkenntnisse – explizit auch Nicht-Griechen. Erfahrungsgemäß nutzen aber griechische oder griechischstämmige Kinder unser Angebot. Aktuell nehmen ca. 100 Schülerinnen und Schüler an unserem Unterricht teil. Das mittelfristige Ziel ist es, Griechisch als zweite Fremdsprache neben beispielsweise Englisch für die allgemeine Hochschulreife anbieten zu können.

Außerdem gibt es für Kinder ab 4 Jahren und Jugendliche Tanzkurse. Bei den Tänzen handelt es sich überwiegend um traditionelle griechische Tänze mit folkloristischen Elementen. Neben den regelmäßigen Trainings treten unsere Tänzerinnen und Tänzer zu unterschiedlichen Anlässen und Veranstaltungen im Namen des Vereins auf. Zum Vereinsleben gehören auch unsere gesellschaftlichen Events in Form von Stadtfesten und Schulfeiern. Als Mitglied des Stadtausschusses für Sport und Kultur unterstützen wir Künstler dabei, ihre Botschaften in der Region zu platzieren (z.B. bei der Interkulturellen Woche) oder über Lesungen, Theateraufführungen ihren kulturellen Einfluss zu zeigen.

Finden die Aktivitäten auf ehrenamtlicher Basis statt oder wie ist der Verein organisiert?
Es gibt drei wesentliche Gruppen: Unsere Mitglieder, der Vorstand sowie das Lehrpersonal. Die Mitglieder, die sich aus Eltern der Region zusammensetzen, bestellen einmal im Jahr den Vorstand. Der Vorstand wiederum arbeitet ehrenamtlich in kleineren Kernteams zu Themen wie der Kommunikation mit Behörden, der Koordination der Schule oder der Organisation von Feiern. Beim Tanzunterricht arbeiten wir mit selbstständigen Tanzlehrern für griechische Folklore. In unserem Sprachunterricht arbeiten wir mit aus Griechenland entsendeten Lehrkräften, die nach griechischem Recht für Primärstufe und/oder Sekundarstufe I ausgebildet sind. Sie orientieren sich beim Unterricht an den vom griechischen Bildungsministerium vorgegeben Lehrplänen. Wir sind Mitglied im Bund der Verbände der Eltern und Vormünder in Deutschland und im Verband der Vereine Griechischer Eltern Und Erziehungsberechtigter in Baden-Württemberg.

Wie erging es Ihnen in den vergangenen Monaten der Pandemie als Verein? Womit hatten Sie zu kämpfen?
So wie alle anderen auch erwischte uns die Pandemie unvorbereitet. Mit dem ersten Lockdown war Präsenzunterricht plötzlich nicht mehr möglich, was für unsere Schülerinnen und Schüler, die überwiegend im Grundschulalter sind, ein großer Einschnitt war – aber auch für die Eltern, die die Hausaufgaben digital zugeschickt bekamen und viel erklären mussten. Ab April 2020 gab es dann immerhin eine Online-Plattform vom griechischen Kultusministerium, die etwas mehr Struktur bei Organisation und Ablage des Lehrstoffs ermöglicht hat. Ab August konnten wir wieder in den Präsenzunterricht zurück wechseln – dafür haben wir ein Hygiene- und Organisationskonzept ausgearbeitet und mit den zuständigen Behörden abgestimmt. Im Dezember mussten wir den Präsenzunterricht erneut und bis zum Ende des Schuljahres aussetzten und wieder auf Online-Unterricht wechseln. Ins Schuljahr 2021/22 konnten wir glücklicherweise wieder mit Präsenzunterricht starten, leiden aktuell aber, so wie viele andere Schulen in Baden-Württemberg, unter der geringen Anzahl von Lehrkräften, von denen sich wegen der ungewissen Situation weniger als üblich aus Griechenland entsenden lassen.

Und außerhalb der Schule?
Auch der Tanzunterricht lag lange Zeit auf Eis, weil gemeinsames Training nicht mehr erlaubt war. Auch viele andere Aktivitäten haben unter den pandemiebedingten Maßnahmen gelittenen und sicherlich ist ein Teil der Lebensqualität dadurch verloren gegangen. Besonders geschmerzt hat es, dass die beiden großen lokalen Feste, die ausländische Nacht und die Kornwestheimer Tage, 2020 und 2021 nicht stattfinden konnten: Diese Feste sind nicht nur unterhaltsam und sehr beliebt, sondern auch die Haupteinnahmequelle vieler regionaler Vereine. Dazu kommt, dass wir die gesellschaftliche Spaltung auch bei uns im Verein wahrnehmen. Das Thema Testen und Impfen wird wie bei den Mitgliedern kontrovers diskutiert.

Gab es in der Zeit auch etwas, das Mut machte?
Ja, es gab einen wichtigen Erfolg beim Thema Bildung: In Zusammenarbeit mit der Orthodoxen Bischofskonferenz in Deutschland, die aktuell rund 1,5 Millionen orthodoxe Christen verschiedener Herkunft und Nationalität repräsentiert, haben wir es geschafft, neben evangelischem und katholischen Religionsunterricht auch christlich-orthodoxen Religionsunterricht (ORU) als Pilot in Kornwestheim einzuführen. Die Silcherschule ist eine von vier Schulen in ganz Baden-Württemberg, die ORU seit dem Schuljahr 2020/21 anbietet. Es handelt sich hierbei um ein reguläres und versetzungsrelevantes Fach im Rahmen des Schulunterrichts, das allen Kindern, unabhängig ihrer Konfession offen steht. Gerade die Schulen, bei denen wir zu Gast sind, geben uns den Eindruck, dass wir trotz Corona willkommen sind und dass wir miteinander vertrauensvoll umgehen können. Auch die Stadt Kornwestheim hat sich in der Krise sehr umsichtig gezeigt und hat uns finanziell an vielen Stellen entlastet. Wir sind zuversichtlich, dass wir hierauf aufbauen können wenn wieder Normalität einkehrt.

Neben diesen ganzen Aktivitäten können Sie sich auch vorstellen, im deutsch-griechischen Jugendaustausch aktiv zu werden. Haben Sie schon Ideen wie das aussehen könnte?
Spannende Frage, denn aus meiner Sicht haben wir hier ein Henne-Ei-Problem: Ich weiß nicht genau, was möglich ist, deswegen weiß ich nicht genau, welche Form eine Zusammenarbeit haben könnte. Als gemeinnütziger Verein sind unsere finanziellen Mittel stark begrenzt. Wir könnten bei diversen Aktivitäten die Rolle eines Vermittlers übernehmen, um Menschen zusammenzuführen oder Dinge mit ehrenamtlichen Helfern anzupacken. Auch wenn ich keine konkreten Projekte anbieten kann, habe ich aber ein paar Ideen. 

Erzählen Sie mal!
Deutschland bietet seinen Schülerinnen und Schülern Möglichkeiten, im Rahmen von berufsorientierten Praktika einen Einblick in die Berufswelt zu bekommen. In Kombination mit einer Schul- bzw. Städtepartnerschaft wäre ein Schüleraustausch denkbar, bei dem die griechischen Kinder – von denen ja viele Deutsch lernen – auch die Möglichkeit eines einwöchigen Praktikums bekämen. Die Mitglieder unseres Vereins könnten versuchen Kontakte zu vermitteln. Ebenso könnten Austausche im universitären oder industriellen Umfeld wie Roboter-Wettbewerbe oder Coding Bootcamps für angehende Software-Entwickler stattfinden. Auch im Bereich Sport können wir uns viel vorstellen: Ein Austausch könnte vielleicht sogar verknüpft werden mit einem Ferienlager und unser Verein könnte die Planung mit den regionalen Sportvereinen koordinieren. Die spannende Frage lautet natürlich: Wer zahlt das? Wer einen der oben genannten Gedanken mit uns weiterspinnen möchte, darf sich gerne an mich wenden.

Kontakt: info@elternverein-kornwestheim.de

Interview: Lisa Brüßler
Fotos: Elternverein Kornwestheim e.V.

Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht-kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.

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