Bei dem Fachkräfteaustausch vom Pressenetzwerk für Jugendthemen mit griechischen Journalisten zeigte sich die ganze Vielfalt der Medienwelt in Deutschland – und das ohne den Raum Köln-Bonn zu verlassen.

„Lasst uns einen Austausch über Jugendmedien durchführen“, war die kurzfristige Verabredung, als eine griechische Fachkräftedelegation im Frühjahr 2018 in Bonn zu Besuch war und auch auf das Pressnetzwerk für Jugendthemen traf.“ So weit die Idee. Acht Wochen später, Ende April, standen fünf Journalistinnen und Journalisten und unser Partner Panos Poulos vom Verein Filoxenia als Dolmetscher auf dem Bonner Münsterplatz. Also los.Jugendmedien – ein Begriff der uns Deutschen leicht von der Zunge geht, denn die Jugendmedienszene ist hier breit gefächert. Sie reicht von Schülerzeitungen über klassische Jugendmagazine wie „Bravo“ über Musikmagazine bis hin zu den Verlautbarungsorganen von Jugendorganisationen und Fanzines. Daneben platzieren sich die Jugendwellen der öffentlich-rechtlichen Sender über reine Jugend-Radiosender aus privatem Besitz und Spartenprogramme beispielsweise aus den Jugendmedienwerkstätten, die an bestimmten Uhrzeiten über Privatsender ausgestrahlt werden. Nicht zu vergessen Podcasts und Websender, die reine Hörfunkangebote ausstrahlen. Hinzu kommt eine riesige Zahl von Webseiten, Blogs und anderen digitalen Angeboten, die sich ganz gezielt an Jugendliche richten. Kurz: Ohne eine bestimmte Zahl nennen zu können, gibt es in Deutschland sicherlich mehrere tausend Medien, die sich mit mehr oder minder gut gemachten Angeboten ganz gezielt an Jugendliche richten.

Und in Griechenland? Selbst die beiden jüngeren KollegInnen, die an dem Programm  teilnahmen, mussten längere Zeit überlegen, um eine Liste von zehn Druck- und Web-Medien mit Zielgruppe Jugend zu nennen.

Auf Rundreise in Köln-Bonn

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Studio im Wohnzimmer: Bonn fm.

Aus der Fülle an deutschen Jugendmedien hatten wir eine kleine Auswahl getroffen, die im Großraum Bonn und Köln ihren Sitz haben. Bei Bonn.fm gab es einen Einblick in die Arbeit eines klassischen Uniradios: In einem kleinen Altbau-Zimmer in der Bonner Innenstadt – „aber immerhin nicht mehr das schimmelige Kellerloch, in dem wir bis vor Kurzem waren“, wie Vorstandsmitglied und Wort-Chef Patrick Wira erklärt, wird produziert. Der Campus-Sender existiert erst seit fünf Jahren und wächst beständig – vor allem auch dank seines guten Social-Media-Auftritts. 40 bis 50 Studierende engagieren sich und sorgen so dafür, dass der selbstorganisierte Sender täglich 24 Stunden auf Sendung ist und dabei vier bis sechs Stunden mit selbst produzierten Beiträgen füllen kann.

Eine stolze Leistung, die mit einem Jahresbudget von 5.000 Euro aus Zuschüssen des AStA gestemmt wird. Aus der Summe finanziert das Team Technik, Programme und was man halt so braucht, um einen Sender am Laufen zu halten. Klar, dass ausschließlich ehrenamtliche Arbeit das Pensum liefern kann, wobei gerade die Vorstandsmitglieder bis zu 25 Stunden pro Woche dafür opfern – das Studium wird dabei zum Nebenjob. Andererseits: Campusradio ist oft das Sprungbrett in einen richtigen Job. Wer hier das Handwerk von der Pike auf gelernt hat, der kann später schon auch mal beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk anklopfen.Unsere griechischen Gäste schreiben emsig mit, denn Campusradio ist in Griechenland bislang an den meisten Unis ein Fremdwort.

Kein Unbekannter in Griechenland: Sonderfall Deutsche Welle

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Zu Besuch bei der DW.

Apropos Fremdwort: Bei einer anschließenden Führung durch das riesige Gebäude der Deutschen Welle im ehemaligen Regierungsviertel von Bonn erklärt die Gästeführerin, was der Unterschied zwischen einem öffentlich-rechtlichen Sender und einem Staatssender ist, welche Aufgaben ein Rundfunkrat hat, und warum eine Partei keinen Sender wie die DW kontrollieren kann. Auch das ist für die griechischen Gäste so fremd wie die Tatsache, dass ein Sender überhaupt in 30 Sprachen über Themen aus Deutschland und Europa berichtet. Wozu? Wenn es kein Propagandasender ist. Gute Frage, und unterwegs erläutert die Führerin die Aufgaben der Deutschen Welle. Die sendet übrigens auch seit 1964 im griechischen Raum und hatte gerade auch während der Militärdiktatur von 1967 – 1974 für viele Griechen die Rolle eines unabhängigen Informationsmediums – die älteren Gäste erinnern sich dunkel. Damals haben viele von den Militärs vertriebene griechische JournalistInnen für die Welle gearbeitet und später beim Aufbau unabhängiger Medien in ihrem Land gearbeitet. Und die DW berichtet auch aus Griechenland – es gibt auf der Website kleine Filme, die „die coolen Griechen“ portraitieren.

Klare Zielgruppe
Und cool geht es noch am gleichen Tag weiter: Der Bonner Jugendverein „Lucky Luke“ hatte in Kooperation mit „Filoxenia“ im Rahmen einer Jugendbegegnung in Bonn einen fünf Meter langen Stier aus Holzteilen gebaut, dieser wird nun in Bonn ausgestellt und wir waren zur Ausstellungseröffnung eingeladen.

Eine ganz klare Zielgruppe hat auch der WDR-Jugendsender 1LIVE. Mitten im Herzen der Domstadt gelegen, zählt 1LIVE mittlerweile mit täglich 3,8 Millionen Zuhörern zu den erfolgreichsten Jugendsendern in Deutschland. Flankiert wird das klassische Radioprogramm von einer deutlichen Social Media-Präsenz mit Live-, Event- und Videoproduktionen. Neben dem Rundgang mit Blicken in Sende- und Produktionsstudios erfuhren wir, wie die beliebten Autorengespräche zustande kommen und wie Nachrichten jugendgerecht aufbereitet und mit jugendaffinen Themen ergänzt werden – Arbeitsmarkt, Ausbildung und Hochschulen finden hier häufiger als im übrigen Programm ihre Resonanz.

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Was hört die Jugend? 1 Live berichtet den griechischen Gästen.

Über die Einrichtung eines Deutsch-Griechischen Jugendwerks hat der Social-Media-Chef natürlich irgendwie auch schon mal etwas gehört, aber auch nicht mehr. Das verhält sich genauso mit der Information, dass „die Milliarden, die Deutschland nach Griechenland schickt“ nicht bei den Bürgerinnen und Bürgern ankommt sondern nur bei den Banken. Als die Gäste dem Chefredakteur erklären, dass sich ihre Lage trotz der Bankenrettung immer dramatischer verschlechtert, weil sie nämlich genauso ihren Beitrag zum Wohl des Kapitalmarktes leisten müssen, bleibt ihm die Spucke weg. Das Thema aber mal via Jugendsender zum Thema einer Reportage machen, das will er denn doch nicht – irgendwie ist das alles ja auch sehr kompliziert und ganz wenig cool und easy. Schade – aber genau so erklärt sich, warum deutsche Jugendliche im wahrsten Sinne des Wortes „keine Ahnung“ haben über das Leben junger Menschen in Griechenland.

Magazin selbst gemacht: null22eins

null22eins

Austausch mit dem ehrenamtlich erstellten Stadtmagazin null22eins.

Ganz viel Ahnung haben Robert Filgner und seine Partner im Verein Artischocke e.V. Der freie Journalist ist Experte in Sachen Jugend, Gewerkschaften und Kultur und hat in Köln nicht nur den Verein gegründet sondern gleich noch das Kultur-Stadtmagazin „null22eins“ dazu. Auf ausschließlich ehrenamtlicher Basis texten, layouten, produzieren und verbreiten Filgner und sein Team mehrmals pro Jahr – „immer dann, wenn wir wieder genug Geld haben“ – das hochwertig produzierte Magazin. Anzeigen layouten Grafiker schon gerne mal selbst, und weil auch sonst der Anspruch an die Optik hoch ist, nutzen Fotografen und Grafiker null22eins gerne auch als Spielwiese für neue Formate und Ausdrucksformen. Finanzieren lässt sich ein solches Produkt mit einer Auflage von ca. 4.000 Exemplaren vor allem durch einige wenige Anzeigen, durch Spenden sowie durch Teilnahme an Ausschreibungen und Wettbewerben. Das Konzept könnte auch in Griechenland funktionieren, denn kreative Köpfe, die Spielwiesen suchen, gibt es dort zuhauf. Allein die Anzeigenkunden und die Fördermöglichkeiten sind nicht vorhanden – und so müssen die Gäste fasziniert den Ausführungen von Robert Filgner zuhören.

Stichwort Faszination
Es ist erstaunlich, wie ekelig, rassistisch, gewaltbereit und verrohend manche Medientypen sein können, und welche Auswüchse die Meinungsfreiheit haben kann. Das sind die Momente, in denen die Experten – meist Juristen – der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien aktiv werden. Beschwerde einreichen bei der BPjM können vor allem Jugendämter und andere zuständige Behörden, denen Missstände in Jugendmedien auffallen. Dann unterzieht ein Team der Bundesbehörde das Medium einer Prüfung und legt einer unabhängigen Expertenkommission eine Empfehlung.

Die Kommission – entweder aus drei oder aus 12 Personen bestehend – sichtet das Material ebenfalls, lässt auf Wunsch die Hersteller des Produktes zu Wort kommen und spricht dann im schlimmsten Fall das Urteil: Das Medium kommt auf den Index – das heißt, es darf nicht mehr beworben werden und nicht für Jugendliche zugänglich verkauft werden. Ob das nicht Zensur ist, fragt ein griechischer Journalist. Nein, erklärt Michael Terhörst von der BPjM: Zensur ist es, wenn ein Medium vor der Veröffentlichung indiziert wird.

Noch Fragen? Man ist da natürlich skeptisch, wenn kritische Bürger aus zwei Nationen mit diktatorischer Geschichte beisammen sitzen. Terhörst hat passendes Material bereit, das schnell zeigt, worum es geht: Beim Film „saw 6“ müssen sich Menschen binnen kürzester Zeit möglichst viele Bestandteile ihres Körpers amputieren, wenn sie nicht wollen, dass sich eine riesige Säge in ihren Kopf dreht. Nach wenigen Sekunden kann niemand mehr zusehen – okay, Index. Auf einem nächsten Bild ist ein Islamist mit blutigem Messer und abgeschnittenen Köpfen zu sehen, die Köpfe sind zum Glück durch einen Balken überblendet. Ja, das hat in einem Jugendmedium nichts verloren. Dann ist da noch das Spiel, bei dem Egoshooter auf Menschen mit Judenstern schießen dürfen und anschließend als „Belohnung“ den Hebel zu einer Gaskammer umlegen können.

Radioarbeit für Jugendliche

Dann doch lieber wieder zurück zu den harmlosen und schönen Jugendmedien. Wie entstehen die eigentlich? In der Medienwerkstatt Bonn, die zum katholischen Bildungswerk gehört, erklärt der ehemalige Journalist und heutige Jugendmedientrainer, Said Zuma, wie die Radioarbeit für Jugendliche funktioniert. Die Jugendmedienwerkstatt ist eine offene Plattform, die allen Jugendlichen der Stadt Bonn offen steht. Eingeteilt in drei Altersklassen erstellen die Teilnehmenden in Redaktionssitzungen Themen, die für die nächste Sendung bearbeitet werden sollen. Dann ziehen die Jugendlichen los und fangen in der Kulturszene der Stadt Infos und O-Töne ein. Zurück im Studio lernen sie, wie man aus den gesammelten Stimmen eigene Beiträge schneidet, wie die Texte fürs Hören geschrieben werden, und wie man eine Moderation erstellt. Am Ende steht eine eigene Sendung, die im Privatsender Radio Bonn/Rhein-Sieg zu bestimmten Uhrzeiten als Bürgerfunk ausgestrahlt werden. Klingt einfach – und unsere Griechen dürfen das gleich mal ausprobieren. Schnell sind Techniker, Sprecher und andere Experten eingeteilt, Said Zuma erklärt die Technik – und schon geht’s los. Nach drei Proben und zweimal Sprecherwechsel stehen fertige Spots inklusive Jingle und Musikeinspielung. Man ist begeistert und will wissen, woher das Geld für die Technik und das Studio kommt. Zu schade, dass es in Griechenland kein katholisches Bildungswerk gibt.

Und ebenfalls schade, dass es keine SK-Stiftung Jugend und Medien in Hellas gibt, denn die besuchen wir am nächsten Tag. Auch hier ist es in Form der lokalen Sparkasse ein privater Träger, der Jugendmedienarbeit möglich macht. Das Team der Stiftung gibt Jugendgruppen und Schulklassen die Möglichkeit, in Wochenendkursen Radio- und Videotechnik zu lernen und auf dieser Basis ebenfalls eigene Medien herzustellen. Auch Jugendliche, die „irgendwas mit Medien“ lernen wollen, können über die Stiftung praxisnahe Übungen absolvieren und so erfahren, ob der avisierte Beruf wirklich ihren Vorstellungen entspricht.

Und dann ist da noch die Zielgruppe der Lehrer, die selbst oft in ihrem Studium die Medienkompetenz zu kurz haben kommen lassen und jetzt beim Wissen um den Umgang mit Medien ihren Schützlingen hinterher hinken. Wichtig bei alle dem: Die Stiftung arbeitet mit Mitteln und Software, die sich junge Menschen später auch selbst mal leisten können. Die Kurse sollen zwar Spaß machen, aber natürlich ist es das Ziel, dass die Jugendlichen selbst damit weiter machen und so ihre Medienkompetenz schärfen.

Besuch bei der Bundeszentrale für politische Bildung

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Zu Gast bei der Bundeszentrale für Politische Bildung.

Womit wir auch schon beim Klassiker der Medienkompetenz wären. 1952 als „Heimatdienst“ gegründet und 1963 umbenannt, hat sich die BpB zu der außerschulischen Instanz entwickelt, die Demokratie- und Medienkompetenz im Land an eine ganz breite Bevölkerungsschicht vermittelt hat. Und bis heute mit immer neuen Methoden, Medien und Aktionen vermittelt. Nach einem groben Überblick über die unzähligen Angebote der Bundeszentrale landen wir schnell beim Fluter. Print und online natürlich und in den sozialen Netzwerken. Das Jugendmagazin trifft auch im 18. Jahr seines Bestehens mit seinen Schwerpunkten und anderen Berichten den Nerv des jungen Publikums – übrigens nicht nur des jungen. Nach wie vor lesen viele älter gewordene Fluter-Abonnenten das Heft gerne, weil es mit seiner klaren Sprache schwierige Themen gut verständlich aufbereitet.

Soziale Medien immer wichtiger
Das gilt auch für den Messangerdienst, mit dem sich Interessierte via Whatsapp oder Telegram täglich ein politisches Thema aufs Handy schicken lassen können. Politische Bildung zum Frühstück frei Haus im täglichen Takt und mit Möglichkeit zur Diskussion. So geht politische Bildungsarbeit heute, und wöchentlich zwischen 500 und 1.200 Neuanmeldungen zeigen, dass der Bedarf an seriöser Information in Zeiten schwachsinniger Facebook-Bubbles stetig steigt.

Das bestätigen auch die hohen Anmeldezahlen im youtube-Kanal der Bundeszentrale. Mit unterschiedlichen Web-Video-Formaten und Serien lanciert die BPB Kampagnen beispielsweise gegen Xenophobie und Nationalismus. Und nachdem wir den Wahl-O-Mat kennengelernt haben, wissen die griechischen Gäste: In Sachen Jugendmedien aber auch Medienkompetenz für Erwachsene ist in ihrem Land noch ganz viel Luft nach oben.

Eine sehr schöne erste Konsequenz aus unserem Programm: Schon kurz nach Abschluss des Besuches erreichte uns eine Anfrage des Studenten-Radiosenders bonn.fm, ob wir beim Aufbau eines deutsch-griechischen Jugendmedienaustauschprogramms behilflich sein könnten – man habe die Notwendigkeiten schon während unseres Besuches erkannt und wolle nun selbst aktiv werden.

 

Text und Fotos: Jörg Wild, Pressenetzwerk für Jugendthemen

Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht-kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.

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