In den ersten Tagen dachte Maria Melikidiou, alle halten sie für faul – weil sie eine Griechin ist. Als die 23-Jährige die Geschichte zwei Monate später erzählt, lächelt sie: „Ich habe jede zwei Minuten gefragt: ‚Kann ich Ihnen helfen?’“ Unterdessen ist sie richtig in Bielefeld angekommen, sie arbeitet dort mit behinderten Menschen in der sozialen Einrichtung Bethel, spielt mit ihnen Brettspiele oder hilft den älteren Behinderten in der Wohngruppe beim Essen. Und die Betreuer schätzen ihre Arbeit.

Jedes Jahr reisen junge Griechen wie Melikidiou nach Deutschland, um in sozialen Einrichtungen zu helfen. Und junge Deutsche machen sich für mehrere Monate auf den entgegengesetzten Weg nach Griechenland, um dort einen Freiwilligendienst abzuleisten. Daran hat sich auch seit 2010 nichts geändert. Dem Jahr, in dem die Bild-Zeitung von den „Pleite-Griechen“ schrieb und das Konterfei von Angela Merkel in Nazi-Uniform auf einer griechischen Zeitung prangte.

Gerade ein Jugendaustausch baue diese Vorbehalte ab, findet Melikidiou. Sie hat das Programm der Evangelischen Freiwilligendienste im Internet gefunden – und es hat sie überzeugt. Das Land war dabei gar nicht so entscheidend. „Sie kümmern sich gut um mich, das ist die Hauptsache“, sagt Melikidiou, schon in Athen wurde sie von deutschen Freiwilligen auf das Jahr vorbereitet.

Eine politisierende Zeit

Friedrich Kersting hat die junge Griechin Melikidiou in Athen getroffen und auf Deutschland eingestimmt. Der 19-Jährige war dort für zehn Monate in einem Heim für minderjährige Flüchtlinge. Die Ressentiments in Griechenland erlebte er nur ein einziges Mal. „Ich war mit ein paar der Freiwilligen auf dem Markt und ein Gemüsehändler wollte wissen, woher wir kommen“, erzählt Kersting. Als sie ihr Herkunftsland sagten, habe er nur „Hitler, Hitler“ gerufen. Einen Apfel wollte er ihnen nicht verkaufen.

Viele Begegnungen mit offenherzigen Menschen haben dieses Erlebnis überlagert. Kersting hält auch nach seiner Zeit in Athen Kontakt mit den griechischen Kollegen. Und von den Jungs aus dem Flüchtlingsheim hört er über Facebook. Die zehn Monate haben ihn stark geprägt. „Dass ich jetzt Politik studiere, hat auch mit dieser Zeit zu tun“, sagt Kersting. Insbesondere die Situation der teilweise traumatisierten Flüchtlinge habe ihn dazu gebracht.

Es ist gerade die Vielschichtigkeit die Friedrich Kersting an dem Austausch begeistert: Nicht nur mit einer anderen Kultur, sondern mit Flüchtlingen aus aller Welt. „Ich könnte mir aber auch vorstellen, mich in einem deutsch-griechischen Austausch zu engagieren“, sagt Kersting heute. Dabei hat es ihn eher zufällig nach Athen verschlagen. Er rückte nach – und in dem Flüchtlingsprojekt bekamen sie erst kurz vorher das nötige Geld zusammen und konnten die Plätze neu schaffen.

„Dinge mit den eigenen Augen sehen“

Nicht nur die Finanzierung ist ein Problem bei sozialen Projekten in Griechenland, bislang kennen die jungen Menschen Freiwilligendienste nicht. „Meine Freunde haben mich gefragt: ‚Warum gehst du nicht arbeiten’“, erzählt Stella Chatzigrigoriou. Die 25-Jährige arbeitet seit acht Monaten in einem Kindergarten vom Verein FAIRbund in Leipzig. Sie studiert in Griechenland Philosophie und Sozialwissenschaften und wollte noch einmal etwas ganz anderes kennen lernen. „Ich dachte auch an die Möglichkeit, hier zu bleiben – und später in Deutschland zu arbeiten“, sagt Stella.

Aus ihrem Erasmus-Semester in Prag kennt sie Leute in Leipzig und weiß, dass die Vorbehalte zwischen den Ländern falsch sind. „Am Ende ist es wichtig, dass die Menschen die Dinge mit ihren eigenen Augen sehen“, sagt Stella. Auch auf sie wartete in Leipzig eine Überraschung. Sie hätte nie gedacht, wie sehr sich die Kinder für die griechische Sprache und Kultur interessieren.

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7 Gedanken zu “Austausch gegen die Vorurteile

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