Von Thessaloniki lernen

In den vergangenen Wochen war sie wegen der überall in Griechenland ausgebrochenen Feuer wieder in aller Munde: Die Solidarität. Für Marco Fründt ist sie untrennbar mit der Stadt Thessaloniki verbunden. Im Alltag während seines Auslandssemesters dort erlebte er immer wieder solidarisches Handeln. Die Menschen zeigten ihm etwas, das er zurück in Deutschland seitdem vermisst.

„Niemand wird je ohne Heimat sein, solange Thessaloniki existiert“. Das sagte der byzantinische Gelehrte Nikiforos Choumnos bereits im 14. Jahrhundert. Auch ich habe die Stadt in meinem Auslandsstudium als einen Ort kennengelernt, der die Menschen willkommen heißt. Zu diesem Lebensgefühl haben auch die vielen selbstverwalteten und solidarischen Projekte in Thessaloniki beigetragen.

Griechenland ist ein krisengeschütteltes Land: Ob die Staatsschuldenkrise, die das Land seit 2010 geißelt, fehlende europäische Solidarität in der sogenannten Geflüchtetenkrise und seit 2020 auch noch die Pandemie. Schon seit Jahren sind viele Menschen von Armut betroffen, auch in Thessaloniki. Doch wo der Staat versagt, werden die Menschen der Stadt selbst aktiv. In der Krise schufen die Thessalonik*innen solidarische Krankenhäuser, Apotheken, Küchen, Bibliotheken oder Sportangebote, um so die Armut ein klein wenig abzufedern.

Thessaloniki bei Nacht.

Krise beendet?
Als ich mich im Spätsommer 2017 nach Thessaloniki aufmachte, wurde die griechische Krise in vielen Medien bereits als beendet erklärt. Zwar waren die Arbeitslosenzahlen im ganzen Land gesunken, dennoch war die Krise in der nordgriechischen Metropole allgegenwärtig. Abseits der Innenstadt und der touristischen Hotspots war Thessaloniki von Leerstand geprägt. Überall sah man zugenagelte Fenster, halbfertiggestellte Bauruinen und für ein EU-Land viel zu oft auch Menschen, die in Mülltonnen nach Verwertbarem suchten.

Und trotz dieser Zustände verloren viele Einwohner*innen nicht den Mut, sondern nahmen ihre Kräfte zusammen und gründeten Hilfsangebote in den verschiedensten Bereichen. So gründeten engagierte Menschen aus dem Gesundheitsbereich 2011 die Klinik der Solidarität, eine selbstverwaltete und nicht-profitorientierte Ambulanz, in dem Menschen ohne Krankenversicherung oder ausreichende finanzielle Mittel, eine Behandlung und Medikamente bekommen. Und zwar kostenlos. Zu den Gesundheitsangeboten gehören Allgemeinmedizin, HNO-Heilkunde, Dermatologie, Zahnmedizin, Orthopädie, Neurologie, Kinder- und Jugendheilkunde, Psychiatrie sowie Psychotherapie. Die Klinik befindet sich in einem Gebäude des Dachverbandes der gewerkschaftlichen Organisationen der Arbeitnehmer*innen in Griechenland, dem GSEE.

Gemüseschnippeln für ein warmes Mittagessen
Einige dieser solidarischen Projekte befinden sich auch in besetzten Häusern. Im Zentrum der Stadt befinden sich gleich zwei solcher Häuser, in denen beispielsweise „Armenküchen“ eingerichtet wurden. Dort bekommen Menschen, die sich keine regelmäßigen Mahlzeiten leisten können, einmal täglich warmes Essen. Die dafür benötigten Lebensmittel werden z.B. von Einzelpersonen oder Ladenbesitzer*innen an die Küchen gespendet und von Freiwilligen abgeholt und zubereitet. Die Mahlzeiten nahmen nicht nur Griech*innen in Anspruch, sondern auch viele der häufig minderjährigen Geflüchteten, die in Thessaloniki oder in Lagern im Umland der Stadt leben. Auch ich half ein paar Mal in einer dieser Küchen aus. Als Neuling wurden mir natürlich nur Hilfsarbeiten übertragen: Ich war also fürs Gemüseschnippeln zuständig. Mehrheitlich stand dort pflanzliche Kost auf dem Speiseplan, von der es in der griechischen Küche allerdings reichlich gibt. Einer 20 Liter-Portion Fasolada, einer griechischen Bohnensuppe, beim Köcheln zuzusehen, ist schon eindrucksvoll.

In diesen Häusern befinden teilweise auch Bibliotheken, Cafés, Lebensmittelgeschäfte, Sporträume sowie Spielbereiche für Kinder, die kostenlos genutzt werden können. Eines von ihnen ist sogar mit einer Bar ausgestattet, in der manchmal Konzerte oder Lesungen stattfinden. Dort ist das Bier zwar nicht umsonst, allerdings kommen alle Einnahmen ausschließlich den solidarischen Projekten und Angeboten zugute. Unter Normalbedingungen finden wöchentlich Konzerte statt, nicht selten auch von namhaften Gruppen. 

Diese Häuser zu besetzen und sie zu Orten solidarischer Projekte umzugestalten, diene laut den Angaben der Initiativen nicht nur dazu, die Auswirkungen der Krise abzufedern, sondern würde auch seit langer Zeit leerstehende Häuser revitalisieren, die sonst dem Verfall überlassen würden. Schon vor dem Regierungswechsel 2019 sahen sich die selbstverwalteten Projekte Razzien, Räumungen und Strafen ausgesetzt, nun jedoch haben sie es zunehmend schwerer. In einem Land mit vielfältigen Problemen den Fokus auf die Bekämpfung derartiger Projekte zu legen, scheint absurd, dennoch ist es Realität.

Der Weiße Turm in Thessaloniki ist eines der viel fotografierten Wahrzeichen der Stadt.

Gelebte Solidarität im Alltag
Die Solidarität Thessalonikis in der Krise nahm ich aber nicht nur in selbstverwalteten Projekten und Strukturen wahr, sondern auch im Alltag, auf dem Markt, auf der Straße. Griechenland ist von dem Erstarken rechtsextremer Kräfte und Parteien nicht ausgenommen, auch hier sitzen Rechtspopulist*innen im Parlament. Mit der Chrysi Avgi, der Goldenen Morgenröte, saßen dort bis 2019, auch zur Zeit meines Aufenthaltes in Thessaloniki, sogar Rechtsextremist*innen. Dennoch war Thessaloniki eine bunte, offene und solidarische Stadt und trotz der Armut, war kaum Verbitterung bei den Menschen zu spüren. Ob Straßenverkäufer, die Obdachlosen einige ihrer Sesamkringel schenkten oder die Gemüsehändlerin, die einer alleinerziehenden Mutter und ihren Kindern noch zwei Tüten Obst umsonst mitgab: Selbst die, die kaum etwas hatten, gaben denen etwas ab, die weniger hatten.

Auch habe ich an kaum einem anderen Ort so oft mitbekommen, dass Bedürftigen etwas geschenkt wurde oder, dass ihnen für ein bisschen Kleingeld die Packung Taschentücher abgekauft wurde. Selbst Restaurantbesitzer*innen, die bettelnde Menschen zuerst aus dem Laden schickten, weil die dort speisenden Touristen die Nase rümpften, gaben den Menschen häufig etwas Geld oder Essen und mindestens ein paar freundliche Worte mit. 

Für mich ist der Gedanke an Thessaloniki untrennbar mit dem Gedanken an eine solidarische Lebensweise verknüpft. Und auch, wenn vielleicht nicht alle Menschen dort die Kraft, die Möglichkeit oder auch den Willen haben, sich einzubringen, so tun es dort doch viele. Auch durch die Menschen, die den widrigen Umständen zum Trotz versuchen, anderen zu helfen, hat die Behauptung des byzantinischen Gelehrten Nikiforos Choumnos bis heute seine Gültigkeit. In Thessaloniki herrscht eine Solidarität, die ich in Deutschland seither oft vermisse. Von den Thessalonik*innen kann sich auch unsere Gesellschaft, gerade in Zeiten der Corona-Pandemie, einiges abgucken.

Text und Fotos: Marco Fründt


Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht-kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.

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