Von Athen nach Berlin. Nur wenige Monate vorher hatte Anna Letsiou noch nie von ICJA Freiwilligenaustausch weltweit in Berlin gehört, wo sie bis Februar 2017 ihren Europäischen Freiwilligendienst absolvierte – jetzt will sie bleiben. Für ihr Masterstudium.

„Ich wusste nicht was der Europäische Freiwilligendienst ist und ICJA kannte ich auch nicht als ich meinen Bachelor in Athen machte und mich nach Praktika in Berlin umsah“, erzählt Anna Letsiou. Berlin ist die Stadt, aus der ihre Mutter kommt – Anna nennt sie ihre „andere halbe Heimatstadt“. Über den Newsletter von Elix, einer griechischen NGO in Athen, erfuhr sie von der Möglichkeit, dort in einem EFD mit Geflüchteten zu arbeiten. Schon in ihrem Studium der Internationalen Beziehungen hatte sie sich mit dem Flüchtlingsrecht beschäftigt: „Ich habe ein halbes Jahr Praktikum bei der NGO Ärzte der Welt gemacht und mich dafür entschieden, mich mehr für die Integration von Geflüchteten einzusetzen“, erzählt Anna.

Arbeit mit Geflüchteten
Bei ICJA Freiwilligenaustausch weltweit ins kalte Wasser geworfen, gehörten das Übersetzen von Bewerbungen, das Willkommenheißen der Freiwilligen, EU-Projektarbeit und Berichte schreiben zu ihren täglichen Aufgaben. Oft war sie schon zu Besuch in Berlin gewesen, aber das Arbeitsleben ist doch etwas anderes, fällt ihr nach wenigen Tagen auf. Auch im Vergleich zu Athen, wo es oft an der einfachsten Ausstattung fehlt. Bei „Young Activists for Peace – Welcome Refugees“ machte sie ein Training mit, um Teamleiterin in einem Workcamp werden zu können. Im Anschluss daran organisierte und moderierte sie das erste Training für internationalen Teamleiter, die im Sommer 2016 in Geflüchteten-Camps arbeiteten.

„Das war ein total neues Feld für mich, dass ich eine Schlüsselrolle bei der Ausgestaltung der Methoden oder der Vorbereitung der Gruppenaktivitäten hatte und gleichzeitig Konfliktlösung lernte“. Bei Jugendaustauschen in einem Erstaufnahmezentrum in Gießen mit 22 Jugendlichen und in Sievershausen im Antikriegshaus lernte sie mit lokalen und internationalen Partnern, Freiwilligen und Geflüchteten zusammenzuarbeiten. Ein Projekt von Anfang bis Ende zu begleiten. „Das war nicht immer einfach“, erzählt Anna, „wir besuchten unter anderem eine Flüchtlingsunterkunft in der Innenstadt, wo 100 Geflüchtete seit acht Monaten lebten, viele davon waren noch sehr jung und allein unterwegs.“

Manchmal hatte sie Zweifel, wie sie den Geflüchteten mit den Workshops wirklich helfen kann. „Nach einigen Tagen habe ich aber verstanden, dass wir nicht da sind um konkret zu „helfen“, sondern um verschiedene Kulturen und Gesellschaften zusammenzubringen- und das wiederum hilft den Geflüchteten bei ihrer weiteren Integration und auch den Freiwilligen, besser zu verstehen und zu handeln“, erzählt Anna. Die Menschen, mit denen Anna zusammenarbeitete, inspirierten sie, halfen ihr mit ihren Erfahrungen: „Ich glaube durch den EFD hat sich mein Blick geschärft“, sagt Anna. „Ich habe mich für einen Master in Interkulturellem Konfliktmanagement hier in Berlin beworben.“

Zwischen den Ländern
Anna will aktiv bleiben. Eine Verpflichtung nennt sie es sogar, da aktiv zu werden, wo Menschen ihre Hilfe benötigen. Manchmal bekommt sie dann Wehmut und denkt an Griechenland: „Wenn ich die Menschen sehe, die die Kraft und Stärke haben neue, tolle Dinge zu schaffen, etwas aufzubauen mit der wenigen Unterstützung die sie bekommen, den Steinen, die ihnen in den Weg gelegt werden, dann überkommt es mich“. In solchen Momenten denkt sie darüber nach alles liegen zu lassen und zurück in ihr Heimatland zu gehen und etwas Besonderes mitaufzubauen.

„Vor einigen Wochen wurden wiederholt extrem harsche Konditionen vom Parlament verabschiedet, die die Griechen ertragen müssen. Diese Maßnahmen zerstören den öffentlichen Charakter der grundlegenden Mechanismen in einem Sozialstaat weiter“, sagt Anna entschieden. Viele junge Menschen leben in einem schwarzen Loch aus Angst vor der Zukunft, sodass die Mehrheit Griechenland verlässt, um in einem anderen Land zu studieren oder zu arbeiten, fasst Anna die Situation zusammen.

Gleichzeitig würden auch mehr junge Menschen aus ihrem Umfeld einen Freiwilligendienst in Erwägung ziehen: „Man findet einfach keine bezahlten Praktika mehr, um erste Arbeitserfahrungen zu sammeln – das Ganze geschieht also eher aus einer Notwendigkeit und steht nicht in derselben Tradition wie hier in Deutschland“, sagt sie. Anna fände es schön, wenn junge Griechen schon früher über Freiwilligendienst Bescheid wüssten, um ihren Horizont zu erweitern. Gleichzeitig müsse aber auch aufgepasst werden, wohin sich Freiwilligendienste in der kapitalistischen Welt entwickeln, merkt sie an.

Ein Projekt für Athen
Die Abschlussaktivität der Teamleiter der Camps fand in Athen statt, kombiniert mit einem Workshop zu antimuslimischen Hass. Anna, zurück in Athen, ließ sich inspirieren: In einer kleinen Gruppe von Engagierten machten sie Pläne für eine Unterkunft für Geflüchtete und Einwohner Athens in einem alten Gebäude, das unter Denkmalschutz steht – ein inklusiver und künstlerischer Ansatz, den Geflüchteten ein Haus, einen Job und Kontakt zur Mehrheitsgesellschaft zu ermöglichen. „Wir hatten schon ein Projektpapier geschrieben und waren bei der Bewerbung um Fördermittel- das habe ich bei ICJA sehr gut gelernt- aber uns fehlt noch ein Gebäude.“ Ein weiterer Gedanke des Projekts ist es auch, den Eigentümern dieser Häuser zu helfen, die kein Geld haben, sich um das Haus zu kümmern. Als das kleine Team in Kontakt mit einem ähnlichen Projekt in Berlin kam, entstand die Idee, ein Netzwerk dieser Projekte in ganz Europa aufzubauen. „Momentan liegt die Idee etwas auf Eis, weil alle Teammitglieder an unterschiedlichen Orten leben, aber wir werden an diesem Traum festhalten“, sagt Anna entschieden. Denn auch wenn sie ersteinmal in Berlin bleibt, lässt sie ihre „andere halbe Stadt“ nicht los.

Text: Lisa Brüßler
Foto: Lefkothea Rizopoulu

Hier geht es zum Beitrag auf Griechisch.

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