In den verrückten Bergen von Dadia

Eigentlich wollte Leonie Wagner (19) aus Bayern einen weltwärts-Freiwilligendienst in Ecuador machen – doch dann kam Corona. Stattdessen ging sie in die griechisch-türkische Grenzregion. Dort arbeitete sie im Dadia-Nationalpark am Erhalt der Geierpopulation und baute dafür auch Wolfszäune. Eine Erfahrung zwischen Offenheit und Einfachheit.

Ein Jahr raus. Raus aus der Komfortzone. Raus in eine andere Realität. Das wurde für Leonie Wagner im September 2020 wahr: Die 19-Jährige tauschte ihre bayerische Heimat gegen das 300-Einwohner Dorf Dadia im griechischen Evros, um in einem WWF-Projekt im Nationalpark zu arbeiten. Dort hieß es für sie nicht selten: um 4.30 Uhr aufstehen, mit dem Jeep ein bis zwei Stunden über Schotterpisten durch den Nationalpark und auf den Posten auf den Berg. Von da aus beobachteten sie und andere Freiwillige durch Ferngläser und Teleskope gefährdete Schmutzgeier oder zählten Geier-Nester und Küken – manchmal 30 Minuten, an anderen Tagen auch fünf Stunden. „Die Devise war, so lang zu bleiben, bis wir mindestens ein Exemplar gesehen hatten. Handyempfang gab es da oben nicht, aber das war auch das Befreiende daran“, erzählt Wagner. An anderen Tagen bauten sie Wolfszäune im Nationalpark. Das Ziel: mittags fertig sein, bevor die 30-Grad-Marke geknackt wurde.

Statt Ecuador in die Berge im Nordosten Griechenlands
Das erste, was sie dachte, als sie in Griechenland aus dem Flugzeug stieg war: „Ist das warm!“ Aber nicht nur das war neu: „Ich hatte bis dato noch nie einen Geier aus der Nähe gesehen und keine Ahnung von Vogelkunde“, erinnert sich Wagner. Eigentlich wollte sie mit dem weltwärts-Freiwilligendienst nach Ecuador, doch wegen der Pandemie bekam sie kein Visum und musste umdisponieren: „Für mich war klar, dass ich ein Jahr weg gehen will und das Projekt in Dadia und das Thema haben mich spontan angesprochen.“

Mit vier weiteren Freiwilligen aus Deutschland und Portugal wohnte sie in einem Haus am Hang des Dorfes: „Jeder wusste nach kürzester Zeit, wer wir sind“, erzählt sie. Trotzdem sei das Naturschutz-Thema für viele Menschen kein Teil ihrer Lebenswelt gewesen. In der Region sind von 250 existierenden Singvögeln 230 beheimatet – einige der Arten gelten als gefährdet. „Tagsüber war die sehr offene Mentalität im WWF-Team meine Realität, am Abend im Dorf im Restaurant dominierten teilweise recht konservative Einstellungen“, sagt Wagner. Beeindruckt hat sie die Einfachheit dieses Lebens trotzdem: „Es gab nur einen einzigen Laden und zwei Mal die Woche kam der Gemüsehändler. Am Anfang habe ich verzweifelt nach Tofu gesucht, aber das gibt es einfach nicht“, sagt Wagner.

Alternativen Fehlanzeige!
„Die Menschen haben dort oft von ‚den verrückten Bergen von Dadia‘ gesprochen und sich sogar eigene Mützen mit dem Spruch anfertigen lassen. Die Berge sind ihre Identität, denn man muss immer fahren, um in die nächste Stadt zu gelangen“, sagt sie. Vor allem in der Lockdown-Phase, als man die Region nur mit Ausnahmegenehmigung verlassen durfte, habe sie das Gefühl gehabt, an das Dorf gefesselt zu sein. Reisen über die Region hinaus, waren nur wenige möglich. Das Leben fand im Dorf statt: Den Unterschied machten die Jugendlichen aus dem 50 Autominuten entfernten Alexandroupoli, die zu Besuch kamen und das Eis für den ersten Kontakt brachen: Fast keiner der Dorf-Jugendlichen konnte Englisch. Die Verständigung musste immer über Hände und Füßen, den Google-Übersetzer und Wagners begrenzte Griechisch-Kenntnissen stattfinden. „Trotzdem hatten wir den Spaß unseres Lebens – egal ob beim Musikhören, im Wald oder beim Basketballspielen“, sagt sie.

Immer zu Beginn einer Woche wusste die 19-Jährige welche Aufgaben sie an jedem Tag erwarteten. Eine davon war der Bürodienst: „Da haben wir zum Beispiel im Blick behalten, wo sich mit GPS-Trackern ausgestattete Vögel aufhalten und an Umweltgutachten für Firmen, die Windräder bauen und aufstellen wollen, mitgearbeitet“, sagt Wagner. Mit den anderen Freiwilligen erstellte sie zudem Aufklärungsmaterial für Grundschulen. In einem Heft erzählten sie spielerisch die Geschichte eines kleinen Geiers, um auf Probleme hinzuweisen. Ihre Mentorin übersetzte ins Griechische: „Sie ist damit dann in die Schulen gegangen. Wegen Corona und der Sprachbarriere konnten wir aber nicht mit“, berichtet sie.

Von Kuhlungen und Wolfszäunen
An anderen Tagen ging es raus in den Nationalpark. Über eine Kooperation mit lokalen Fleischereien, brachten sie einmal pro Woche Tierreste in eingezäunte Futterstationen. Geier sind Aasfresser und Wagner ist Vegetarierin: „Das war schon etwas Überwindung, eine Kuhlunge in der Hand zu haben – aber nach dem dritten Mal gewöhnt man sich daran“, sagt sie und lacht bei der Erinnerung.

Das Bewusstsein dafür, dass eine kleine Handlung wie das Auslegen eines Giftköders immense Auswirkungen auf das gesamte Ökosystem hat, habe sie erst in Dadia richtig entwickelt: „Die Schwierigkeit war, das auch anderen Menschen, zum Beispiel den Bauern, zu vermitteln“, sagt sie. In der Region gibt es Probleme mit Wölfen. Die Bauern legen daher. Giftköder aus, um ihre Herden zu schützen. Diese werden jedoch – statt von den Wölfen – von Wildkatzen oder Füchsen gefressen, die sterben und dann von den Geiern gefressen werden, die wiederum verenden. „Wir sind mit Flyern und Material zu den Bauern und haben versucht, das zu erklären und eine Alternative mitzubringen“, sagt Wagner. Diese bestand darin, im Sommer mit ihnen Zäune mit roten Fahnen zu bauen. „Da gehen die Wölfe nämlich nicht durch und es braucht damit keine Köder.“

Mit dabei ist immer der belgische Schäferhund Kiko. Er ist darauf trainiert, die Köder in einem Waldstück aufzuspüren. „Es war oft sehr frustrierend, wenn wir bei einem Bauern waren und Kiko nur eine Woche später einen Köder in der Nähe gefunden hat“, sagt Wagner. Sie besuchten auch eine Farm, auf der Menschen ohne Warmwasser, Strom und Toilette lebten. „Da musste ich richtig dran arbeiten, mir zu sagen, dass sie es gar nicht anders kennen und vielleicht auch wollen und ich nicht ihr Leben verbessern muss“, reflektiert die 19-Jährige.

Noch mehr andere Realitäten

90 Prozent ihrer Gleichaltrigen im Dorf hatten Griechenland noch nie verlassen: „Die Leute fanden es immer beeindruckend, dass ich ein Jahr weg von zuhause bin. Viele konnten sich das überhaupt nicht vorstellen“ – auch weil kein Geld da ist. „Sie haben mir das Gefühl gegeben, dass sie nichts von der EU haben und sich ziemlich abgehängt fühlen“, erinnert sie sich. Auch die Jobaussichten seien mau: Wer nicht Bauer oder Handwerker werde, wolle zur Armee, um ein sicheres Einkommen zu haben. Trotzdem habe sie sich auch als Teil des Dorfes gefühlt und ist stolz auf ein besonderes Abschiedsgeschenk der Jugendlichen: Die Cap mit der Aufschrift.

Für Wagner ist schon jetzt, vier Monate zurück in Deutschland, klar, dass der Freiwilligendienst ihr viel gegeben hat: „Ohne ihn hätte ich mich schwerer getan, offen für Unikurse auf Englisch zu sein oder mit Menschen in Kontakt zu kommen, die nicht meine Sprache sprechen“, sagt sie. Und auch Griechenland hat sie nicht zum letzten Mal besucht: Für ihr Studium der Internationalen Sozialen Arbeit braucht sie sowohl Auslands- als auch Praxissemester. „Eins davon würde ich gerne wieder in Griechenland machen – am liebsten in der Integrationsarbeit mit Geflüchteten“, sagt sie. Denn auch dieses Thema lernte sie im Evros kennen – durch die Brille der Einheimischen. Diese will sie dann gegen eine weitere Realität eintauschen.

Text: Lisa Brüßler
Fotos: Leonie Wagner

Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht-kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.

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