Von Berlin nach Alexandroupoli

Junge, arbeitslose Erwachsene zu motivieren, durch ein zweimonatiges Praktikum in Schweden, Frankreich, Italien oder Griechenland ihre berufliche Zukunft wieder in die Hand zu nehmen – das ist das Ziel des Projekt „IdeAl für Berlin – Integration durch europäischen Austausch lernen“. Agorayouth hat mit der Projektverantwortlichen, Stefanie Hutsch vom Berliner Verein KIDS &CO g.e.V., darüber gesprochen, wie das in Kooperation mit dem griechischen Alexandroupoli derzeit gelingt.

Frau Hutsch, KIDS & CO ist ein gemeinnütziger Verein zur Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Sitz in Berlin Marzahn-Hellersdorf. Mit dem Verein können junge Erwachsene für Praktika nach Griechenland. Wie kam das?
Stefanie Hutsch: KiDS & CO g.e.V. ist seit mittlerweile 17 Jahren auch in der internationalen Jugendarbeit tätig. Neben unseren Jugendfreizeiteinrichtungen und der Kooperation mit Schulen begleitet wir Jugendliche auf ihrem individuellen Weg in Ausbildung und Arbeit. Im ESF-Projekt „IdeAl für Berlin – Integration durch europäischen Austausch lernen“ begleiten wir junge arbeitslose Erwachsene im Alter zwischen 18 und 35 Jahren. Durch ein zweimonatiges Praktikum in Schweden, Frankreich, Italien oder Griechenland können sie fachliche und persönliche Kompetenzen gewinnen und Selbstvertrauen in ihre eigenen Stärken entwickeln, um ihre berufliche Zukunft motivierter zu gestalten.

Und wie entstand der Kontakt zu Griechenland?
Die Kooperation ist noch ganz frisch. Vor einem Jahr stellte ein lokaler Kooperationspartner den Kontakt zum International Forum Faros (IFF) in Alexandroupolis in in West-Thrakien her. Nun sind wir dabei, die die Kooperation mit Leben zu füllen, denn seit 1. September 2020 sind neun junge Berliner*innen in Alexandroupolis und werden während ihres zweimonatigen Aufenthaltes dort von IFF betreut.

Louis aus Berlin macht seit September ein Praktikum in einem IT-Unternehmen in Alexandroupoli.

Wie genau ist das Projekt „IdeAl für Berlin“ denn entstanden?
Das Projekt wird vom Europäischen Sozialfonds und dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) im Rahmen der Integrationsrichtlinie Bund im Handlungsschwerpunkt „Integration durch Austausch“ gefördert. Bereits seit 2011 ist KIDS & CO in dem Programm einer der drei Berliner Projektträger. Es ermöglicht uns, unsere nationale Arbeit im Rahmen der Berufsorientierung und die internationale Tätigkeit miteinander zu kombinieren und den teilnehmenden Jugendlichen neue Chancen in der Arbeitswelt zu geben. Unsere Erfahrung zeigt, dass die Teilnehmenden an Mobilitätsprojekten motivierter in den Bewerbungsprozess starten und vor allem mit der gewonnenen Praktikumserfahrung auch klarere Zukunftsvorstellungen entwickeln.

Und wie läuft das ab, wenn man sich für ein Praktikum bewerben möchte? Muss man etwas Spezielles mitbringen?
Die Zielgruppe sind junge Erwachsene im Alter von 18 bis 35 Jahren, die arbeitslos sind. Auch alleinerziehende Eltern können mit ihren noch nicht schulpflichtigen Kindern in das Projekt einsteigen. In den Partnerländern organisieren unsere Partnerorganisationen neben der Unterkunft und den Praktika auch die Versorgung der Kinder in der Kita. Sprachkenntnisse des jeweiligen Gastlandes sind nicht notwendig, denn in der Vorbereitungsphase findet sowohl ein Sprachtraining als auch eine interkulturelle Vorbereitung statt. Neben diesen vorbereitenden Inhalten auf den Auslandseinsatz nutzen wir die Zeit, um eine Berufsorientierung durchzuführen: Wir lernen diverse Berufsbilder kennen und blicken gemeinsam auf die bekannten und noch unentdeckten Stärken und Kompetenzen der Individuen.

Auch wird das Projekt während aller Projektphasen von unserem sozialpädagogischen Team begleitet. Somit können wir jede*n Teilnehmer*in individuell unterstützen. Wir richten wir uns vor allem an Menschen, die von Transferleistungen leben oder es aufgrund von individuellen Beeinträchtigungen schwer haben, in den Arbeitsmarkt einzusteigen. Interessent*innen können sich jederzeit über unsere Webseite oder direkt per Mail ida@kids-und-co.de bei uns melden und erhalten Informationen zu den geplanten Durchgängen.

Sie sagten, spezielle Sprachkenntnisse seien nicht nötig. Wie funktioniert das dann vor Ort im Betrieb?
Ja, Vorkenntnisse in der Landessprache sind nicht nötig – ganz im Gegenteil: Oft machen wir die Erfahrung, dass Teilnehmende ohne Vorkenntnisse den größten Entwicklungssprung haben. Wir nehmen auch Teilnehmende mit Lernschwierigkeiten auf. Daher legen wir viel Wert auf ein praktisches Sprachtraining in der Vorbereitung und vor Ort. Denn in erster Linie geht es uns darum, dass die Teilnehmenden die Angst vor der Sprache verlieren und lernen, dass sie auch ohne großes Grammatikwissen kommunizieren können. Unsere Partner im jeweiligen Gastland erhalten während der Vorbereitungsphase Informationen zur Gruppe und zu jedem*r einzelnen*er Teilnehmer*in. So können sie passende Betriebe finden und die Mitarbeiter*innen entsprechend vorbereiten. Oftmals sind die angestrebten Praktika im handwerklichen Bereich oder in der Gastronomie. Hier lassen sich Tätigkeiten und Aufgaben schnell abgucken und Erfolgserlebnisse steigern das Engagement und die Motivation.

Wie Torten, Kuchen und andere Süßigkeiten zubereitet werden lernt Maria aus Berlin in einer lokalen Konditorei in Alexandroupoli.

In Griechenland sind Praktika ja weniger stark verbreitet. Was für Praktikumsstellen sind das denn in Alexandroupoli, die dort angeboten werden? 
Das war uns im Vorfeld gar nicht bewusst. Aber unser Partner verfügt über ein hervorragendes Netzwerk in Alexandroupolis und konnte schnell passende Betriebe akquirieren. Danach gab es noch ein wenig Bürokratie bis zum Praktikumsstart – aber auch die konnte gelöst werden. Es sind diverse Betriebe dabei: vom landwirtschaftlichen Biobauernhof über ein IT- Unternehmen bis hin zu einer Konditorei. Auch im sozialen Sektor sind unsere Teilnehmenden eingesetzt. Sie fühlen sich sehr wohl in ihren Betrieben und wurden sehr gastfreundschaftlich empfangen.

Neben der persönlichen Weiterentwicklung ist ein weiteres Ziel, dass sich die Chancen auf einen Ausbildungsplatz und auf dem Arbeitsmarkt verbessern. Wie sind die Erfahrungen nach nun fünf Jahren Laufzeit des Projekts?
Seit Oktober 2015 wagten 104 junge Erwachsene den Schritt ins Ausland. Von ihnen konnten wir 73 Prozent in unmittelbare Anschlussperspektive vermitteln – also Schule, Ausbildung oder Arbeit. Diese Zahlen spiegeln den bundesweiten Erfolg des Programms wieder. Bereits von 2011 bis 2014 haben wir ein IdA Projekt bei KIDS & CO erfolgreich durchgeführt und konnten ebenfalls 78 Prozent der Teilnehmenden auf ihren Weg ins Arbeitsleben begleiten.

Die Arbeit im Projekt macht dem Team und mir Spaß, weil wir sehen, wie sich unsere Teilnehmenden innerhalb der achtmonatigen Projektlaufzeit weiterentwickeln. Wir hoffen, dass bis zum Ende der Projektlaufzeit 2021 noch viele Menschen mit uns ihren beruflichen Weg finden. Unser Plan ist es, noch drei Durchgänge bis zum Projektende zu realisieren.


Interview: Lisa Brüßler
Fotos:
KiDS & CO g.e.V.

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