Schule digital: Was Corona offen legte

Christina Preftitsi arbeitet als Lehrerin an der Deutschen Schule Thessaloniki. Die Corona-Pandemie hat bei Lehrern und Schülern Einiges durcheinander gebracht – die Umstellung auf digitalen Unterricht von heute auf morgen war für alle herausfordernd. Was die Corona-Zeit für sie offen legte, berichtet sie im Interview.

Christina Preftitsi über Schule in Corona-Zeiten

Deutschlehrerin Christina Preftitsi über Schule in Corona-Zeiten.

Agorayouth: Christina, die Corona-Pandemie kam für alle sehr plötzlich und traf viele, ob in Deutschland oder Griechenland, unvorbereitet. Wie wurde an der Deutschen Schule in Thessaloniki, an der du das Fach Deutsch unterrichtest, mit der Situation umgegangen?
Christina Preftitsi:
In Griechenland erfolgte die Schließung der Schulen landesweit am Dienstag, den 10. März 2020. In den ersten Tagen haben wir unsere SchülerInnen per Dropbox mit Aufgaben versorgt. Als allerdings klar wurde, dass sich die Schulschließung in die Länge ziehen würde bzw. eine Öffnung nicht in Sicht war, wurde uns die Plattform „Microsoft Teams“ zur Verfügung gestellt mit der wir dann online unterrichtet haben.

Wie muss man sich das vorstellen?
Dies geschah sowohl „synchron“, indem wir live Unterricht per Video erteilt haben, als auch „asynchron“, indem wir „Haus“-aufgaben bzw. Arbeitsaufträge aufgegeben haben. Diese Umstellung war groß – vor allem, weil sie im wörtlichen Sinne von heute auf morgen stattgefunden hat, da der digitale Weg, der einzige war, der die Kommunikation mit den SchülerInnen ermöglichte.

Wie hast du den Schulalltag der vergangenen Wochen erlebt?
Der Schulalltag war definitiv anders und außergewöhnlich. Das digitale Unterrichten war für uns alle eine Herausforderung, da es aus der Not heraus erfolgte und keinesfalls geplant oder organisiert stattgefunden hat. Der Arbeitsaufwand war sehr hoch – ich saß im Durchschnitt zehn bis zwölf Stunden am Tag vor dem Bildschirm, um Materialien zu digitalisieren, Unterricht zu planen, Inhalte hoch- oder herunterzuladen und natürlich, um endlos zu korrigieren. Auf der anderen Seite war genau diese Not, in der wir uns befanden, der Kern unserer Motivation.

Kannst du das genauer erklären?
Das Gefühl, dass man mitten in der Corona-Krise seine SchülerInnen trotz allem erreichen konnte und ihnen Inhalte vermitteln konnte, war überwältigend! Ich fand es bewundernswert, dass die Mehrheit der SchülerInnen trotz dieser Ausnahmesituation, die viele Familien auch sehr hart getroffen hat, sehr aktiv am digitalen Unterrichtsgeschehen teilgenommen hat.

Mit welchen Problemen hatten die Schüler aus deiner Sicht zu kämpfen?
Für die SchülerInnen war die Zeit herausfordernd, da sie unmittelbar betroffen waren. Viele Familien mussten beispielsweise Drucker oder andere technische Geräte anschaffen, da die notwendige Ausstattung nicht immer vorhanden war. Bei vielen Familien mussten mehrere Kinder parallel digital beschult werden während die Eltern oftmals auch online arbeiten mussten – das hat die ganze Situation natürlich erschwert.

Abgesehen von den technischen Voraussetzungen, was ist, die Inhalte betreffend, für dich deutlich geworden?
Die meisten SchülerInnen sind in großem Umfang „Technik-Fans“ und waren vom digitalen Unterricht insgesamt begeistert, einige waren allerdings auch überfordert. Ein selbstständiges und verantwortungsvolles Arbeiten sowie eine klare Alltagsstruktur sind unabdingbar für die erfolgreiche Teilnahme am Online-Unterricht. Die Mehrheit der SchülerInnen gab jetzt im Nachgang dieser Erfahrung an, dass sie selbstständiger und organisierter arbeiten können.

Vor ein paar Wochen hast du deine Schüler erstmals wieder live gesehen. Wie lief das ab?
Die Rückkehr bedeutete einerseits zwar Wiedersehen, Beisammensein und „direkte“ Kommunikation – nur bekamen diese Begriffe eine andere, neue Bedeutung. Das liegt natürlich auch an der Maskenpflicht und den Abstandsregeln, die Teil des neuen Schulalltags wurden. Mir kam alles anfangs sehr steril und gruselig vor, als ich Ende Mai bloß die Hälfte meiner 12.Klässler mit Mundschutz im Klassenzimmer empfangen durfte. Später kamen, teils mit gemischten Gefühlen, auch alle anderen SchülerInnen zurück. Einerseits waren alle froh darüber, dass der Ausgangssperre ein Ende gesetzt wurde, andererseits war eine gewisse Beklemmung und Verunsicherung in den meisten Gesichtern zu erkennen. Man hat sich aber schnell an die neue Realität gewöhnt.

Mit ein paar Wochen Abstand betrachtet: Hat dich als Lehrerin diese Zeit nachdenklich gemacht oder dir etwas offen gelegt ?
Rückblickend kann ich sagen, dass die Zeit für mich als Lehrerin eine insgesamt gewinnbringende Phase war. Es war auch eine Zeit der Verunsicherung und der Angst vor dem Unbekannten, die viele Einschränkungen im privaten und berufliches Alltag mit sich brachte. Wir waren gezwungen, Veränderungsprozesse zu durchlaufen, sind aber dadurch auch zu neuen Erkenntnissen gelangt. Ich habe die positive Erfahrung gemacht, dass ich meinen Job auch während dieser schwierigen Phase erfolgreich machen konnte. Ich bin neue Wege gegangen und habe Neues für mein Fach entdeckt. Vieles davon werde ich zukünftig in meinem Unterricht einsetzen. Außerdem habe ich meine SchülerInnen unheimlich vermisst und realisiert, wie wertvoll für mich der persönliche Kontakt und die emotionale Nähe sind.

Christina Preftitsi wuchs in Lüdenscheid auf, studierte in Thessaloniki und verbrachte 2015 ein Jahr mit dem Pädagogischen Austauschdienst (PAD) an einer Gesamtschule in Krefeld. Über ihre Erfahrungen in dieser Zeit hat sie 2018 auf agorayouth an dieser Stelle ausführlicher berichtet.

Interview: Lisa Brüßler
Foto: Christina Preftitisi

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