Köln und Thessaloniki sind seit 29 Jahren Partnerstädte. Beim 2. Deutsch-Griechischen Jugendforum im März 2017 nahm eine Idee zwischen vier Vereinen aus Deutschland und Griechenland ihren Anfang. Agorayouth sprach mit Jutta Lauth Bacas (FILIA) über das geplante Radioprojekt mit den Partnerorganisationen Arbeit und Leben NRW, Business Mentality und YMCA Thessaloniki.

Agorayouth: Frau Lauth Bacas, Mitte November trifft sich eine Gruppe von 20 jungen Griechen und Deutschen in Köln für eine Jugendbegegnung mit den Themen „Radio“ und „Berufsplanung“ – eine ungewöhnliche Kombination. Wie kam es dazu?
Lauth Bacas
: Das Konzept hat mehrere Mütter und Väter: Einerseits FILIA, als Kölner Verein, der sich seit 2015 dafür einsetzt, das Modell der Städtepartnerschaft mit Leben zu füllen und deshalb in Köln kulturelle Veranstaltungen, Musikabende, Lesungen, Vorträge über das heutige Griechenland organisiert. Vorbild für das Projekt war die Jugendbegegnung „Beruf.Kennen.Lernen“, die die Deutsch-Hellenische Wirtschaftsvereinigung 2016 mit Jugendlichen aus Köln und Kefalonia durchgeführt hat. Dies hat gezeigt, dass der Übergang von Schule zu Beruf eine Frage ist, die Jugendliche aus beiden Ländern gleichermaßen bewegt. Diesen gegenseitigen Gedankenaustausch methodisch unter den Schirm eines Radioprojektes zu stellen war eine Idee von unserem Projektpartner Arbeit und Leben NRW.

Agorayouth: Was ist das Ziel dieser Begegnung?
Lauth Bacas
: Das Motto der Jugendbegegnung lautet „Krise? Chance! Radio!“ und soll den Jugendlichen die Gelegenheit bieten, sich nach den kritischen Jahren zwischen Deutschland und Griechenland ein eigenes Bild zu machen und Neues kennenzulernen. Die Krise als wichtiger Ausgangspunkt soll nicht ausgeblendet werden, sodass deutlich wird, dass die wirtschaftliche Situation in Deutschland derzeit zwar besser ist als aktuell in Griechenland, aber die Zukunftsperspektiven junger Menschen hier ebenfalls stark von ihrem jeweiligen Umfeld, bzw. den sozialen Lagen abhängen. Hier wie dort benötigt es vor allem Eigeninitiative und Engagement, um für sich aussichtsreiche Lebens- und Berufsperspektiven zu entwickeln und diese auch umsetzen zu können.

Agorayouth: Die Jugendbegegnung organisieren Sie mit Fenna Godhoff von Arbeit und Leben NRW zusammen mit zwei griechischen Partnern. Vergangene Woche waren Sie zur Fachkräftebegegnung in Thessaloniki. Was ist dort konkret passiert?
Lauth Bacas: Die beiden deutschen Projektträger sowie das Adolf-Kolping Berufskolleg in Horrem als Mitveranstalter des Radioprojekts sind alle sehr froh, dass sich auf griechischer Seite die Organisationen Y.M.C.A. Thessaloniki sowie Business Mentality an der Durchführung beteiligen. Erfahrene Projektpartner zu finden ist angesichts der weniger zahlreichen Träger der Jugendarbeit in Griechenland nicht einfach. Bei der Fachkräftebegegnung stellte uns Vassilis Ioannou, Programmdirektor von YMCA Thessaloniki die Arbeit der seit 1921 bestehenden Organisation vor und zeigte uns die modernen Ateliers, Übungsräume und Sportanlagen: Die Organisation verfügt über einen breiten Erfahrungsschatz in der Durchführung von Freizeit-, Kultur- und Bildungsprojekten für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene.

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Fachkräftebegegnung in Thessaloniki

Agorayouth: Und was haben Sie bei der Organisation Business Mentality gehört?
Lauth Bacas
: Business Mentality fungiert seit 2015 als Projektträger in Thessaloniki für Erasmus+ und führt Maßnahmen zur Mobilitätsförderung junger Menschen in Europa durch. Der Organisation geht es vor allem darum, Entrepreneurship zu fördern, unterstützen und eine gesellschaftliche Kultur dafür zu schaffen. Beide Projektpartner verdeutlichten uns die besondere Situation und Sichtweise junger Erwachsener im Alter von 18 – 20 Jahren, die wir als Teilnehmer_innen für die internationale Jugendbegegnung in Köln gewinnen möchten.

Agorayouth: Die meisten in diesem Alter haben die Schule abgeschlossen.
Lauth Bacas:
Genau, oder sie sind bei privaten schulischen Trägern oder an einer Universität in oft ungeliebten Fachrichtungen eingeschrieben – einige wenige sind auch schon auf Jobsuche. Der Berufseinstieg liegt aber meist in der Zukunft und wird als hürdenreich und schwierig angesehen – auch angesichts der desolaten Arbeitsmarktlage für junge Menschen. „It can change their life“, sagte Vassilis Ioannou von YMCA uns zur Jugendbegegnung, weil die Jugendlichen durch den Perspektivwechsel die Problematik neu betrachten können und zusätzlich eine andere Sprache und Kultur kennenlernen.

Agorayouth: Ein Ziel des Jugendaustausches ist es, am Ende eine fertige Radiosendung produziert zu haben, die in beiden Ländern ausgestrahlt werden kann. Wieso ausgerechnet eine Radiosendung? Die meisten Jugendlichen sind doch wahrscheinlich noch nie mit dem Medium in Berührung geraten.
Lauth Bacas
: Die Radiosendung ist da sozusagen die didaktische Klammer der Begegnung: Angeleitet von einem professionellen Radiocoach lernen die Jugendlichen im Studio des Adolf-Kolping Berufskollegs in Horrem modernstes Radio-Equipment zu bedienen und einzusetzen. Die Einsichten, die die Jugendlichen gewonnen haben, werden in kurzen Radiobeiträgen vorgestellt, das Führen von Interviews gelernt. Natürlich gehört auch Musik aus beiden Ländern dazu. Am Ende sollte eine einstündige Sendung entstehen, die später ausgestrahlt und damit auch per Livestream in Thessaloniki gehört werden kann.

Agorayouth: Damit können die Ergebnisse der Begegnung einem breiteren Hörerkreis in Deutschland und Griechenland bekannt werden.
Lauth Bacas:
Dazu kommt, dass das altbekannte Format Radio in Form von Podcasts ein Revival als Do-it-yourself-Medium erfährt. Mit einem relativ geringen Aufwand werden Informationen aufbereitet, Meinungen präsentiert und Lieblingsmusik vorgestellt und in die digitale Öffentlichkeit getragen. Darüber hinaus können sich die Jugendlichen auch nach dem Projekt weiter an lokalen Radioproduktionen beteiligen, wenn sie schon erste Erfahrung mitbringen.

Agorayouth: In Köln haben Sie auch vor, lokale Einrichtungen wie Jugendzentren oder Berufsberatungsstellen zu besuchen. Was versprechen Sie sich davon?
Lauth Bacas:
Die Jugendbegegnung soll den Teilnehmenden neben dem interkulturellen Austausch, der für viele an sich schon eine neue Erfahrung bedeutet, auch erste Einblicke in andere, bisher unbekannte Strukturen und Einrichtungen der Arbeitswelt geben. Die wenigsten Jugendlichen aus Thessaloniki haben moderne Arbeitswelten, wie etwa einen großen Industriebetrieb oder ein modernes Großraumbüro, je von innen gesehen, da die Betriebsstrukturen in Griechenland kleindimensionierter sind. Diese neuen Ansichten sollen ihr Bild von Deutschland bereichern. Dabei sollten aber keine falschen Hoffnungen entstehen – durch die Hintergrundgespräche mit deutschen Jugendlichen soll deutlich werden, wie dezidiert die Anforderungen an die sprachlichen, beruflichen und eventuell auch die persönlichen Qualifikationen sind beim Eintritt in die Arbeitswelt in Deutschland.

Agorayouth: Ist auch eine Rückbegegnung in Thessaloniki in Planung?
Lauth Bacas: Eine Rückbegegnung soll wahrscheinlich im Frühjahr 2018 stattfinden. Die Planungen dafür sollen nach der Jugendbegegnung in Köln weitergehen.

Interview: Lisa Brüßler
Fotos: Jutta Lauth Bacas

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