Die Dokumentation „The Chronicle of an Extermination“ zeichnet das Kriegsverbrechen während des 2. Weltkriegs im griechischen Chortiatis nach. Friedrich Kersting über eine bedrückende Geschichte – von Zeitzeugen erzählt. 

„A deep scar in my life.“

2013 erschien unter Beteiligung der „Chortiatis Citizen Movement“ und der Zeitung „Chortiatis 570“ von Anemicinema eine Dokumentation über das Massaker von Chortiatis. Das Dorf in der Nähe von Thessaloniki ist eins von etwa hundert „Märtyrerdörfern“, in denen die deutschen Besatzer fernab jeder Kriegsordnung wüteten. Am 2. September 1944 wurden 149 Menschen der Zivilbevölkerung des Dorfes in der Nähe von Thessaloniki kaltblütig ermordet.

Nachdem am Morgen des 2. September 1944 zwei Mitglieder der deutschen Besatzungstruppen von griechischen Widerstandkämpfern in der Nähe des Dorfes getötet wurden, rückte wenig später das „Jagdkommando Schubert“ für eine  „Vergeltungsaktion“ oder „Sühnemaßnahme“ an. Dadurch sollte sich an der Zivilbevölkerung brutal für Partisanenanschläge gerächt werden. Diese Taktik verhinderte im Laufe des Krieges trotzdem nicht den Widerstand der griechischen „Volksbefreiungsarmee“ ELAS und EAM und wurde auch noch wenige Wochen vor dem Abzug der Besatzungstruppen brutal durchgeführt. Der Wehrmachtsfeldwebel und Kommandant der Einheit hieß Fritz Schubert. Er war schon während seiner Zeit auf Kreta bekannt für die Brutalität seiner Einheit. Die Truppe war speziell für solche Zwecke zusammengestellt worden, unter anderem mit griechischen Kriminellen und Kollaborateuren.

In Chortiatis trieben sie die Bevölkerung, vor allem Frauen und Kinder, in eine Bäckerei hinein. Sie schossen durch die Türen und Fenster auf die Eingeschlossenen und zündeten anschließend das Gebäude an. Die, die aus der Bäckerei flohen wurden von den draußen wartenden Soldaten erschossen. 149 Menschen wurden erschossen oder verbrannten bei lebendigem Leibe, das Dorf wurde vollkommen verwüstet. Nur etwa ein Dutzend überlebte das Massaker und konnte sich durch ein Fenster auf der Rückseite der Bäckerei retten.

Erinnerungen sollen wachgehalten werden

Die Dokumentation versucht durch Berichte von Augenzeugen die Erinnerung an die Ereignisse in Chortiatis wach zu halten und betont gleichzeitig die Bedeutung ihrer Bewahrung für die nächsten Generationen. Der Film ist in mehrere Abschnitte eingeteilt. So werden nicht nur die Details des Massakers (Ablauf des Hinterhalts und des Blutbads, Situation der Kinder und der Kollaborateure) ausführlich beleuchtet, sondern auch das Konzentrations- und Haftlager Pavlos Melas in einem Vorort von Thessaloniki wird thematisiert. Im letzten Teil widmet sich die Dokumentation der Befreiung und damit den schon beginnenden Wirren der aufkommenden Bürgerkriegs in Griechenland.

In der Dokumentation kommen viele Zeitzeugen ausführlich zu Wort und berichten über die Geschehnisse aus ihrer Perspektive. Die individuellen und persönlichen Erfahrungen von ganz „normalen“ Leuten ermöglichen ein authentisches Bild der Situation. Die Aussagen sind mal ausführlich und distanziert, mal knapp aber drastisch. Alle zeichnen ein bedrückendes Bild der Abläufe des Massakers.

Abgesehen von den Augenzeugen kommen auch bekannte Zeitzeugen in der Dokumentation zu Wort. So berichtet Manolis Glezos, ein Held des Widerstandes gegen die Nazis, von seinen persönlichen Eindrücken dieser Zeit. Der Dozent und griechische Historiker Dr. Stratos Dordanas von der Universität von Makedonien in Thessaloniki ordnet die Berichte mit Hintergrundinformationen wissenschaftlich ein. Er ist ein ausgewiesener Experte auf dem Gebiet, so schrieb er 2002 seine Dissertation zum Thema „Vergeltungsaktionen der deutschen Besatzungsmacht in Makedonien 1941-1944“.

Eindringliche und authentische Bilder

Die Dokumentation verzichtet auf eine Erzählerstimme und gibt so den Bildern, Filmausschnitten und Zeitzeugen mehr Raum den Verlauf der Dokumentation zu prägen. Die griechischen Sprecher und Sprecherinnen werden nicht synchronisiert, sondern mit englischen Untertiteln übersetzt. So wird es den Zuschauenden ermöglicht die authentischen Stimmen der Überlebenden zu hören und die Berichte werden noch persönlicher. Das Überblenden von normalen, alltäglichen Bildern (im Sportverein oder bei einer Hochzeit) der Menschen aus Chortiatis mit Kriegs- und Marschtruppenbildern machen die unglaubliche Entfremdung und Veränderung durch den Krieg deutlich.

Ein Mann, der damals als 6-Jähriger die Ermordung seiner Mutter und Schwestern erleben musste, sagt in der Dokumentation: 70 Jahre danach versuche er immer noch zu vergessen. In diesem Moment schwingt die ganze Unbegreifbarkeit dieser Verbrechen und daraus folgenden Konsequenzen für die Opfer und die Überlebenden mit.

An einer besonders eindrücklichen Stelle der Dokumentation zählt ein Zeitzeuge die Namen der Opfer auf, die unter drei Jahre alt waren. Nach einer Pause sagt, wie alt sie heute wären. Wieder wird  wird das Ausmaß des Verbrechens deutlich.

„A deep scar in my life.“ Also als eine tiefe Narbe in seinem Leben beschreibt ein Augenzeuge in der Dokumentation „The Chronicle of an Extermination“ das Massaker der deutschen Besatzungstruppen an der Zivilgesellschaft in Chortiatis am 2. September 1944. Diese bedrückende Aussage ist nach 90 aufschlussreichen Minuten mit eindringlichen und authentischen Bildern, Stimmen und original Filmsequenzen durchaus verständlich. Der Dokumentation gelingt es das Unverständliche erlebbar und fühlbar zu machen.

Eine deutsche Delegation besuchte im Sommer 2015 das griechische Dorf. Der Bericht ist unter diesem Link zu finden. Dort ist das Foto entstanden.

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