Er ist voller Hass

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Rede des Sprechers der rechtsextremistischen „Goldenen Morgenröte“ 2013 im Parlament.

Die Jugend in Zeiten der Krise – Geschichten aus Griechenland vom Schriftsteller Filippos Mandilaras. Teil III

Übersetzt aus dem Griechischen von Doris Wille

Teil I und Teil II sind bereits erschienen.

Das Gestern ist nicht nur nicht tot, würde Elli von Sakis hören, 16 Jahre aus Patras, sondern dem Gestern verdanken wir, dass es uns heute gibt und wir die Fortsetzung bilden! „Wir sind ein großer Blutstrom, der von den ruhmreichen Jahren des Leonidas, Perikles und Alexanders des Großen herkommt, die Jahrhunderte durchfließt und glanzvoll und geehrt das Heute erreicht. Ein Fluss in der Zeit, dessen Fortsetzung wir sind, die modernen Griechen!“

Sakis wurde in Zarouchleika geboren, wo er auch lebt, einem ärmlichen Viertel im Süden von Patras. Sein Vater auf dem Bau und seine Mutter zu Hause, um sich um ihn und seine beiden Geschwister zu kümmern. Er kann sich nicht daran erinnern, dass sie mal nicht klamm waren, aber sie kamen gut zurecht. Es fehlte ihnen an nichts. Sowieso saßen sie alle im selben Boot. Und da sitzen sie immer noch. Sie sind hart gesotten, denn nebenan haben sie die Gipsys, mit denen sie gut im Training sind, sich gegenseitig jagen und Steinschlachten liefern. Und wenn du siehst, wie sie zu den Paraden gehen, verstehst du, wer hier die Hosen anhat und wer die Röcke. Zarouchleika Downtown – alles kurz und klein hauen. Nicht so wie die Weicheier in der Agiou-Nikolaou Straße, die knitterfrei ausgehen und mit zerrissenen Oberhemden und einem blauen Auge abziehen…

Irgendwann wurden die Jobs weniger, und der Vater musste notgedrungen für seinen Tagelohn immer weiter weggehen. Bis nach Rio (1) kam er, einmal für Ausbesserungsarbeiten sogar bis nach Psathopyrgos. Es waren da aber auch diese Ärsche, diese Scheißmigranten, die ihm das Brot wegnahmen. „Schmeißt sie raus aus dem Land, Mann, damit wir den Dreck loswerden!“, schrie er, wenn er sie in den Lokalnachrichten sah, wie sie sich neben den Bahngleisen stapelten und darauf warteten, nach Italien zu verschwinden. „Schickt mal einen Zug dahin, um sie platt zu machen, verdammte Scheiße, damit wir wieder unsere Ruhe haben!“ Und wenn sie einen Pakistaner oder Afghanen fanden, verreckt auf einer Ladefläche, fing er an zu feiern wie damals bei der Nationalmannschaft, als wir Europameister wurden. Sakis war noch klein gewesen, aber er konnte sich an die Hochstimmung erinnern, die Erhabenheit, seinen Stolz, ein Grieche zu sein. Danach ging alles den Bach runter…

2012 hatte der Vater keine Arbeit mehr. Ab und zu einen Job als Tagelöhner, aber wie soll man von zweihundert, dreihundert Euro eine ganze Familie ernähren? Zum Glück aßen die Kinder in der Schule das Essen, das die Kirche bereitstellte. Sie waren noch nicht bei den Armenspeisungen gelandet, aber daran gedacht hatte er schon… Er war durch die Arbeitslosigkeit regelrecht durchgedreht, der arme Vater. Und dann war da auch noch die Geschichte mit diesen Schlitzohren von Politikern, den Verrätern, die uns an die Deutschen und die Amerikaner verkauften, um sich zu bereichern. Austerität, heißt es… Sie kürzten Gehälter, Beihilfen und Renten, Zusatzabgaben wurden verkündet und Steuern – „mit was für Geld sollen wir das denn alles bezahlen, Mann. Ich bezahle überhaupt nichts, und wenn sie mir den Strom abstellen!“, brüllte der Vater verzweifelt und suchte ständig nach einem Tagesjob, bis er eines Tages einen Pakistaner sah, der auf dem Bau arbeitete, und er dann völlig ausrastete. Er stieg hoch und schlug ihn grün und blau. „Der ist illegal“, schrie er danach. „Der nimmt mir die Arbeit weg. Ich habe drei Kinder großzuziehen! Der soll weg! Arbeit für die Griechen!“

Der Vater kam noch mal mit einem blauen Auge davon. Die Polizisten, die ihn festnahmen, sagten ihm, dass sie ihn verstünden, dass er runterkommen solle, sie würden schon eine Lösung finden. Das Problem bestand darin, dass der Pakistaner nicht illegal war, aber auch das wurde geregelt. Wenn die Polizei nur will, ist alles möglich. Der Vater kam nach Hause mit einer Tüte voller Lebensmittel und der Telefonnummer vom Bereichsleiter der Goldenen Morgenröte, den er anrufen konnte, wann immer er wollte.

Seit jenem Tag hatte Sakis’ Familie immer satt zu essen. Was Tagesjobs anging, lief es für den Vater nicht schlecht. Nur die Mutter machte sich Sorgen, und Sakis hörte, wenn sie ihm abends in den Ohren lag: „Wir waren immer für die Pasok, Kostas. Meine verstorbene Mutter hat Andreas in den Himmel gehoben. Dein Vater – Gott hab ihn selig! – war bei dessen Beerdigung und hatte Giorgakis persönlich sein Beileid ausgesprochen. Wie kannst du jetzt nur für die Goldenen Morgenröte sein?“ (2) „Wir sind für die Griechen!“, brüllte er. „Giorgakis hat uns verraten. Siehst du denn nicht, dass hier alles voll ist mit Ausländern? Sie kommen und nehmen uns das Essen weg. Aber wir sind Griechen, Mensch. Und wir Griechen wissen, wie man kämpft!“

Der Vater kämpfte und die ganze Nachbarschaft sah ihn voller Stolz im Fernsehen, als er mit den Sturmbataillonen der Goldenen Morgenröte auf die Bauernmärkte ging, in die Lager, in den Hafen, auf die Demos und zu den Streiks, immer auf der Seite des Rechts und der Polizei, gegen die Fremden und die Kommunisten. Und zusammen mit dem Vater hasste auch Sakis die Fremden und die Syriza-Leute, die unsere Geschichte jeden Tag mehr besudelten, er hasste alle, die keine Griechen waren und die an der Größe unseres Volkes zweifelten. Denn die Erde, die Papaflessas, Kolokotronis und Nikitaras (3) hervorgebracht hatte, durfte nicht diese eingesetzten Typen verehren, sie darf nicht durch Mischehen befleckt werden und sie darf nicht Neger, Schlitzaugen und alle Arten von lausigen Muselmännern bei sich aufnehmen. Nein!

Heute ist Sakis mehr denn je von Hass erfüllt. Er ist voller Hass, weil der Vater in U-Haft sitzt, zusammen mit seinen Mitstreitern wegen seiner patriotischen Aktionen. Er ist voller Hass, weil die Mutter gezwungen ist, Treppen putzen zu gehen; weil die Polizisten so tun, als würden sie ihn nicht kennen; weil einige Nachbarn die Straßenseite wechseln, wenn sie ihn sehen; weil er mitkriegt, wie unsere Heimat von illegalen Flüchtlingen überschwemmt wird, von Verbrechern, die unsere Mädchen vergewaltigen wollen und uns dazu bringen wollen, unserem Glauben abzuschwören. Er ist schließlich voller Hass, weil sie ihn, als er forderte, dass im Berufsgymnasium jeden Morgen die Fahne gehisst und die Nationalhymne gesungen wird, hochgenommen haben, sogar noch die Lehrer. Und als er weiter darauf bestand, haben sie ihm Schulverbot aufgebrummt, diese Kommunisten. Gestern Abend ist er aber zusammen mit ein paar Jungs von der Straße in ihr Drecksloch eingedrungen und hat alles kurz und klein geschlagen! „Das hier ist meine Heimat, Alter, und ich habe jedes Recht, unsere Nationalhymne zu singen. Ich erkenn’ dich an der Schneide, die des Schwertes Schrecken ist. An dem Blick, der stolz ins Weite zielt und kühn die Erde misst.“

Samira jedenfalls, 14 Jahre, eine Farbige, die in Kypseli (4) geboren wurde und dort lebt, im Viertel der Nationen, wie es genannt wird, bekommt bei Typen wie Sakis das Zittern. Sie ist aber auch wütend auf sie, denn sie zwingen sie dazu, dass sie den Kopf senkt, wenn sie ihnen in der Metro begegnet, dass sie Mund hält, wenn sie hört, wie sie über sie herziehen, und dass sie lieber früher als später die Grenzen zu ihrem Viertel passieren möchte, das die von draußen Getto nennen, ohne zu begreifen, dass sie es selbst geschaffen haben. Samira ist auch wü- tend, weil sie frei leben will, hier, wo sie geboren ist, in Griechenland, aber man sie nicht lässt. In Burkina Faso, wo ihr Vater geboren wurde, ist sie nie gewesen, aber wie soll sie ein Land als Heimat empfinden, das sie in ihrem Leben nicht gesehen hat? Dort wird sie sich fremd fühlen, hier bringt man sie dazu, sich fremd zu fühlen. Fremd hier, wo ihre Sprache ist, fremd dort, wo ihre Farbe ist. Was für eine Ironie!

(1) Rio wie auch Psathopyrgos sind Küstensiedlungen, die zur Stadt Patras gehören und acht bzw. 18 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt sind.

(2) Hier wird auf die Pasok Bezug genommen, die sozialistische Partei, die von 1981 bis 2012 im Wechsel mit der ND (Nea Dimokratia) an der Macht war. „Andreas“ ist ihr Gründer Andreas Papandreou und „Giorgakis“ sein Sohn Giorgos Papandreou, Parteivorsitzender bis 2012 und Ministerpräsident Griechenlands in der Zeit des ersten Memorandums.

(3) Geliebte Helden – „Heilige“ der nationalen Revolution von 1821, die zur Gründung des griechischen Staates führte.

(4) Ein früher bürgerliches Viertel im Zentrum von Athen, das inzwischen von Migranten und wirtschaftlich schwachen Bevölkerungsgruppen bewohnt wird.

Die Fortsetzung folgt in den kommenden Tagen

Über den Autor

DSC01304 (1) (3)Filippos Mandilaras Der Schriftsteller wurde 1965 in Athen geboren, studierte in Paris Literatur und begann nach seiner Rückkehr nach Griechenland zu schreiben, erst Kinderbücher, dann Romane für Jugendliche und junge Erwachsene. Eines seiner Hauptwerke ist „Yaines“ (Hyänen). Darin erzählt er die Geschichte einer 16-Jährigen, die in einem kollabierenden Griechenland allein in Athen überleben muss. Der Roman ist Teil einer Trilogie. Mandilaras erhielt 2014 den Griechischen Staatspreis für Jugendliteratur. Als Buch ist noch keines seiner Werke auf Deutsch erschienen. Es gibt aber Veröffentlichungen im Internet auf der Seite http://www.diablog.eu. Dort sind alle Texte auf Deutsch und Griechisch zu lesen. Mandilaras lebt mit Familie auf der Insel Chios.

Zuerst erschienen in der Augsburger Allgemeinen Zeitung. Mit freundlicher Genehmigung übernommen.

Bild: Namensnennung Bestimmte Rechte vorbehalten von Gwydion M. Williams

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