Die Jugend in Zeiten der Krise – Geschichten aus Griechenland vom Schriftsteller Filippos Mandilaras. Teil I

Übersetzt aus dem Griechischen von Doris Wille

Offiziell klopfte die Wirtschaftskrise im April 2010 an die Tür Griechenlands. Doch der moralische und kulturelle Verfall währte bereits zwei Jahrzehnte und zeigte sich klar und deutlich in den Unruhen, die auf den grundlosen Mord an Alexis Grigoropoulos folgten, einem 16-jährigen Schüler, am 6. Dezember 2008 durch einen Polizisten. Seit jenem Tag geriet die griechische Gesellschaft auf eine Bahn des Anzweifelns, der Kollision und des Bruchs mit dem politischen System, immer wieder neu genährt durch die Unterzeichnung der Memoranden und die wirtschaftlichen Engpässe, die darauf folgten. Schüler und Studenten waren an der Spitze dieser Proteste, die dann im weiteren Verlauf in der „Bewegung“ der Wutbürger aufgingen.

Lernen wir also einige der jungen Leute kennen, die in diesem aufgewühlten Griechenland leben. Beginnen wir mit Themis, heute 27 Jahre, der seine Kindheit in Thessaloniki verbrachte, wohl wissend, dass er, was immer auch geschieht, das Architekturbüro seines Vaters übernehmen wird, das bis 2008 auch glänzend lief.

Themis wuchs in Panorama auf, dem üppig grünen, neu gebauten Neureichenviertel der Stadt, er ging zur besten und angesagtesten Privatschule und die Sommer verlebte er im Ferienhaus der Familie auf Chalkidiki. Themis war von klein auf für Großes bestimmt. Das dachten jedenfalls seine Eltern. Er war derjenige, der mit dem Architekturbüro neu durchstarten würde, mit seinen frischen Ideen, wenn er aus Amerika zurückkäme, wo er sein Aufbaustudium machen würde, vielleicht auch einen Doktor in bioklimatischer Architektur, was der neue Trend war. Es stimmte zwar, dass er ihnen in den letzten beiden Jahren auf dem Gymnasium Sorgen gemacht hatte, als er etwas mit Lena angefangen hatte, einem gleichaltrigen Mädchen mit rosa Haaren und mit Ohrringen und Piercings, wo es nur eben ging, die im Flüchtlingsviertel Ano Toumba lebte und mit Cliquen zusammen war, die „nicht die Qualität ihrer gesellschaftlichen Klasse hatten“. Zu ihrem Glück schaffte es Themis beim ersten Anlauf in den anspruchsvollen Fachbereich für Architektur der Technischen Hochschule Athen, weit weg von alledem. Als Geschenk zu seinem Erfolg kaufte ihm sein Vater eine Penthousewohnung unterhalb der Akropolis sowie einen roten Smart, um damit zur Uni zu fahren.

Themis zog nach Athen um. Vorbei war’s mit Lena, vorbei war’s mit der wahnsinnigen Lernerei, vorbei war’s mit den Verabredungen auf dem Aristotelous-Platz und dem Kaffee in der Hafenstraße. Neue Freunde, neue Mädels, Klubs, Openings, Bouzouki, Konzerte, Galerien, durchgemachte Nächte – eine ganze Stadt zum Entdecken. Zum Glück vergaß sein Papa nie die monatlichen Überweisungen… Das Einzige, was er von Themis verlangte, war, alle Uniprüfungen zu bestehen, aber selbst wenn er durchfiel, wie sollte er das mitkriegen? Was er bestand, das bestand er jedenfalls mit Bestnoten. Die Architektur fand er gut und er wollte damit weitermachen. Ins Ausland gehen, sich mit grünem Bauen und so was beschäftigen. Noch nicht nach Amerika. Nach Finnland, Norwegen – die Skandinavier machten einen super Job und außerdem stand er auf die Mädels. Einfach göttlich! Schön wäre es, wenn er für ein, zwei Jahre dorthin ginge… Und natürlich sah er sich nicht im Büro in Thessaloniki. Wohl eher bliebe er in Athen. Gegen eine Filiale in der Hauptstadt würde der Alte wohl kaum etwas einzuwenden haben.

An dem Tag, als sie Grigoropoulos töteten, war er mit Kommilitonen schon früh ins Starbucks in der Koraistraße gegangen. Später hätten sie bei Kiamos weitergemacht. Die Krawalle brachen plötzlich aus, kurz nachdem der Mord bekannt wurde. In seiner Clique waren auch Jannis und Vera, Anarcho-SyrizaLeute, die mit bei den Ersten waren, die losrannten und Feuer legten. Die haben Athen abgefackelt, diese Ärsche, und er kam zu spät, um seinen Smart wegzufahren, den er in einer Seitenstraße vom Klafthmonos-Platz geparkt hatte. Total verkohlt war er und nicht versichert…

Halb so schlimm, könntest du meinen, aber der Alte spielte nicht mit – es liefe nicht gut, sagte er, im Bauwesen, sie hatten seit 2004 Schulden bei ihnen, manche sind pleitegegangen und solche Trauergeschichten… Er wusste nicht, ob es stimmte oder ob er sich nur um die zwanzig Riesen für das neue Auto drücken wollte. Aber wie stellte er sich das vor? Dass er mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zur TH fahren würde? Lachhaft…

Das Büro seines Vaters hielt noch zwei Jahre durch. Er erstickte in Schulden. Als ihm der Rechtsanwalt eröffnete, dass ihm Gefängnis drohte, wäre er beinahe an Ort und Stelle gestorben. Herzinfarkt. In letzter Sekunde wurde er gerettet. Danach musste er notgedrungen alles verkaufen, und es blieb ihm nur noch das Elternhaus im Triandriaviertel. Das würde er wahrscheinlich als Erstwohnung retten können. Und dabei muss man sich vorstellen, dass ihm die Veruntreuer staatlicher Gelder mehr als eine Million schuldeten. Aber die konnte er vergessen, die hatten diese Schlitzohren von Politikern längst in die Schweiz gebracht…

Genau das dachte auch Themis, der alle im Gefängnis sehen wollte, die bis jetzt mit goldenen Löffeln gegessen hatten und ihm nun die Zukunft durch die Memoranden belasteten. Bankkonto auf null, von Auto keine Rede, und die Wohnung musste er zu einem Spottpreis abgeben, um sein Studium und 2010 ein Erasmussemester in Norwegen zu finanzieren. Das war schon prima, keine Frage, aber was kam danach…? Da war nichts. Das wusste er genau. Das sah er überall und bekam das große Zittern … So ging er auch zu den Wutbürgern auf dem Syntagmaplatz, aber er wusste genau, dass nichts dabei herauskam, bei den Demos und den Liedern. Wenn man ihn fragen würde, war er in Wirklichkeit nur da, um ein Mädchen aufzureißen. Sowieso waren zu der Zeit die besten Bräute dort unterwegs…

Bei den Wutbürgern lernte er Nefeli kennen. Mit dem Aussehen einer Schwedin und clever, als käme sie aus Smyrna. Sie studierte BWL, hatte aber nichts als Business im Kopf. Immer Hummeln im Hintern. Sie sorgte dafür, dass er sich von der Architektur abnabelte, sie öffnete ihm die Augen, um einen auf jungen Unternehmer zu machen, zusammen heckten sie die Idee aus mit der Aloe, zusammen fanden sie das Land im Süden von Rhodos, zusammen begannen sie, die Stacheldinger anzupflanzen. Am Anfang machte er Zicken. Er kannte sich mit Landarbeit nicht aus und hatte keinen Bock auf Dreck und Erde, aber Nefeli hatte viele Arten drauf, um seine Ansichten zu ändern. Und er änderte sie.

Heute ist Themis ein erfolgreicher Start-up-Unternehmer mit zwei Betrieben zum Anbau und zur Verarbeitung von Aloe vera, die er nach ganz Europa exportiert. Zurzeit reist er durch China, um die Möglichkeiten abzuchecken, seine Produkte dorthin auszuführen. Das Einzige, was ihm fehlt, sind seine Kumpels, die alle weggegangen sind. Nach Australien, England, Dubai, Südafrika und sonst wohin. Nur Jannis ist noch geblieben, der Anarcho-Syriza-Typ, jetzt Berater des Staatsministers für Kultur. Unnütz für ihn, dort, wo er ist. Was hatte die Aloe mit der Kultur zu tun?

Vorgestern sahen ihn seine Alten voller Stolz in der Beilage der Kathimerini zwischen den erfolgreichsten Start-up-Unternehmern unter dreißig Jahren. Okay, davon hatte er nicht gerade geträumt, aber zumindest unternimmt er Reisen, die er sonst nie gemacht hätte, er hat Geld in der Tasche und, vor allem, macht er sich nicht mit Erde und Schlamm schmutzig, wie er anfangs geglaubt hatte. Die Drecksarbeit macht für ihn sein pakistanischer Freund, der Verbindungen zu Migranten hat. Er hat den Verdacht, dass er Menschenhandel betreibt, aber wenn schon, was stört ihn das? Er tut ihm einen Gefallen, wie auch er so vielen Leuten einen Gefallen tut, die eine warme Mahlzeit wollen. Ist das schlimm?

Die Fortsetzung folgt in den kommenden Tagen.

Über den Autor

DSC01304 (1) (3)Filippos Mandilaras – Der Schriftsteller wurde 1965 in Athen geboren, studierte in Paris Literatur und begann nach seiner Rückkehr nach Griechenland zu schreiben, erst Kinderbücher, dann Romane für Jugendliche und junge Erwachsene. Eines seiner Hauptwerke ist „Yaines“ (Hyänen). Darin erzählt er die Geschichte einer 16-Jährigen, die in einem kollabierenden Griechenland allein in Athen überleben muss. Der Roman ist Teil einer Trilogie. Mandilaras erhielt 2014 den Griechischen Staatspreis für Jugendliteratur. Als Buch ist noch keines seiner Werke auf Deutsch erschienen. Es gibt aber Veröffentlichungen im Internet auf www.diablog.eu. Dort sind alle Texte auf Deutsch und Griechisch zu lesen. Mandilaras lebt mit Familie auf der Insel Chios.

Zuerst erschienen in der Augsburger Allgemeinen Zeitung. Mit freundlicher Genehmigung übernommen.

Bild (Aufmacher) Namensnennung Bestimmte Rechte vorbehalten von Tilemahos Efthimiadis; privat

3 Gedanken zu “Kann eine Heimat verblassen?

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