Das Coronavirus in Griechenland: Ein Überblick (1)

In der Corona-Pandemie ist bislang vor allem eines überdeutlich geworden: Das Zurückziehen in das Nationale. Bis auf Informationen aus den am stärksten betroffenen Ländern sind wenige Details über die Situation in Europa zu lesen. Anna Mavrikou beschreibt die Lage der Menschen, in der Wirtschaft und im Gesundheitswesen in Griechenland – und gibt auch einen Einblick in die Situation in den Flüchtlingslagern. (Stand: 06. April 2020)

Normalerweise würde ich in wenigen Tagen meinen Koffer packen, um über die Ostertage nach Nordgriechenland zu fliegen. Dort, in dem Dorf Iasmos, lebt meine Familie. Iasmos liegt in der Nähe vom thrakischen Meteora – bei klarem Wetter kann man das Meer sehen. Das griechisch-orthodoxe Ostern im Dorf ist etwas sehr Besonderes: Viele kommen aus den größeren Städten und besuchen ihre Angehörigen im Dorf. Dabei hat jeder Tag der Karwoche seine eigenen Sitten und Bräuche. Die Einheimischen und Besucher gehen in die Kirche und nehmen an den Messen teil. Ein Höhepunkt ist der Karfreitag-Abend mit der Prozession des Epitaphs, der durch die engen Gassen des Dorfes getragen wird. Die Einheimischen und Besucher folgen mit Kerzen in der Hand der Prozession, die von der Gemeindekapelle musikalisch begleitet wird – doch durch das Coronavirus wird Ostern in diesem Jahr ein anderes sein.

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Der Blick auf das Dorf Iasmos in Nordgriechenland, aus dem die Autorin stammt.

In Griechenland sind die ergriffenen Maßnahmen und die Einschränkungen ungewöhnlich und hart für den Alltag und die Wirtschaft. Es wurden Freiheiten begrenzt, um die Gesundheit der Bevölkerung zu schützen und Leben zu retten. Laut einer Studie des Meinungsforschungsinstituts „Interview“ hat die Hälfte der Griechen Angst, sich am Coronavirus anzustecken, 42 Prozent glauben auf der anderen Seite, dass die Wahrscheinlichkeit gering oder nicht vorhanden sei und acht Prozent nehmen keine Stellung dazu. Die Maßnahmen der Regierung finden 87 Prozent der Menschen positiv. Zugleich sagen 73 Prozent, dass sie die negativen Auswirkungen der Pandemie auf ihre Arbeit und ihr Einkommen bereits zu spüren bekommen.

Strenge Maßnahmen seit Ende Februar
„Wir befinden uns im Krieg mit einem Feind, der unsichtbar, aber nicht unbesiegbar ist“. Das sagte der Ministerpräsident Griechenlands, Kyriakos Mitsotakis, am 17. März 2020. Die ersten strengen Maßnahmen wurden mit der Absage der Karnevalsumzüge bereits Ende Februar ergriffen.

Seit dem 23. März muss man, wenn man das Haus verlassen möchte, entweder eine SMS an die Nummer 13033 senden oder eine vorgedruckte oder handgeschriebene papierbasierte Bescheinigung mit sich führen, in der Name, Adresse und eine Zahl (im Fall der handgeschriebenen Bescheinigung der Grund der Bewegung) von 1 bis 6 aufgeführt sind: Die Zahl 1 wird zum Beispiel genutzt, um zur Apotheke oder zum Doktor zu gehen, die Zahl 2 um zum Supermarkt zu gehen und die 6 um draußen Sport zu machen oder mit einem Tier herauszugehen. Für die, die noch arbeiten müssen, gibt es auch eine spezielle Bescheinigung, mit der sie sich bewegen können.

Eine neue Lage für alle
Auch noch strengere Ausgangssperren hat die Regierung in Betracht gezogen. Dazu gehören etwa Überlegungen zu Bewegungseinschränkung auf eine bestimmte Zahl pro Tag und maximal für drei Stunden, diese sind aber noch nicht beschlossen worden. Auch sind die Schulen, die Kindergärten und die Universitäten bis mindestens nach Ostern geschlossen; die meisten Geschäfte bis mindestens zum 11. April. Die Maßnahmen sind früher als in vielen anderen EU-Ländern entschieden worden. Der Unterricht erfolgt derzeit über Online-Plattformen. Die Eltern von Kindern bis 15 Jahren können speziellen Urlaub beantragen, der zur Hälfte vom Staat und zur anderen Hälfte vom Arbeitgeber finanziert wird.

Vor den Supermärkten sind oft Schlangen mit Abstand von zwei Metern zwischen den Menschen, da nur eine begrenzte Zahl herein darf. In einem Auto darf sich außer dem Fahrer nur eine weitere Person befinden ­– in Ausnahmen dürfen zwei Person mitreisen, wenn gesundheitliche Gründe vorliegen oder es sich um zwei Kinder handelt. Vor wenigen Tagen wurde auch die bekannte neue Uferpromenade in Thessaloniki abgesperrt, da dort laut Medienberichten zu viele Menschen spazieren gingen oder Sport trieben.

Ein Teil der Flanier-Promenade in Thessaloniki wurden wegen zu vieler Verstöße gesperrt.

Auch auf die Inseln dürfen per Fähre mittlerweile nur noch dauerhafte Einwohner reisen, da die Versorgung dort nicht so gut organisiert werden kann. Das Schwimmen im Meer und das hobbymäßige Fischen sind zurzeit verboten. Nicht betroffen von den Bewegungs- und Sporteinschränkungen sind Menschen, die schwere und langjährige gesundheitliche Probleme haben. Auch in Griechenland ist das Ziel der Maßnahmen, Zeit zu gewinnen, damit das Gesundheitssystem nicht überfordert wird und kollabiert.

Eine andere Realität als in Deutschland
Nach Angaben des griechischen Ministerpräsidenten und des Gesundheitsministers hat Griechenland die Intensivbetten von 565 auf 902 aufgestockt. Das bedeutet, dass pro 100.000 Einwohner 8,2 Intensivbetten entfallen. Zum Vergleich: Deutschland hat 33,9 Intensivbetten pro 100.000 Einwohner; Spanien 9,7 und Italien 8,6. (Mehr dazu hier). Parallel wird auch das Arzt- und Pflegepersonal aufgestockt. Bis letzten Montag wurden 4.200 neue Arbeitsplätze in dem Sektor genehmigt, 2.000 Stellen wurden bereits besetzt. Auch Privatkliniken müssen das staatliche Gesundheitssystem unterstützen, indem sie Betten und Personal zur Verfügung stellen.

Die Corona-Krise bremst auch das zaghafte Wachstum der griechischen Wirtschaft. Die finanzielle Unterstützung des Staates für Arbeitnehmer und Arbeitgeber wird voraussichtlich 6,8 Milliarden Euro kosten. Das entspricht 3,5 Prozent des BIP von Griechenland (EU-Durchschnitt: Zwei Prozent) und betrifft acht von zehn Angestellten in Privatunternehmen, drei von vier Freiberuflern oder Selbständige und drei von vier Firmen. Vielen von ihnen können erstmals 800 Euro bekommen. Kündigungen von Arbeitsverträgen in dieser Zeit wurden verboten. Zusätzlich wird Ärzten, Lehrern, Rechtsanwälten sowie Forschern ein Voucher in Wert von 600 Euro für eine Weiterbildung im April gewährt.

Wie geht es weiter?
Wenn die Krise im Mai mit der Intensität weiter läuft, bekommen auch die oben benannten Kategorien den 800-Euro-Zuschuss. Die Tilgung von Schulden beim Finanzamt und bei den Krankenkassen sind eingestellt worden. Wer dennoch pünktlich bezahlt. bekommt 25 Prozent Rabatt. Auch die Verlängerung des Arbeitslosengelds von zwölf auf 14 Monate für diejenigen, deren Finanzierung Ende März enden würde, ist beschlossen. Wenn Einkommen von Arbeitgebern oder Arbeitnehmern von der Corona-Krise negativ betroffen sind, kann zudem die Miete für die nächsten zwei Monate um 40 Prozent reduziert werden.

Eine andere Frage, die viele beschäftigt, ist, was mit der Tourismusbranche, der wichtigsten Einnahmequelle Griechenlands, passiert. Normalerweise sollte in in einigen Wochen die Saison starten und die ersten Touristen das Land besuchen. Daraus wird wohl nichts.

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Leere Inseln – seit Montag befindet sich auch die Kykladen-Insel Mykonos unter Quarantäne nachdem die ersten Corona-Fälle bekannt geworden waren.

Um bürokratische Angelegenheiten zu erleichtern, wurde zudem eine neue zentrale Website präsentiert. Durch diese sollen Bürger einen vereinfachten Zugang zu Informationen und Formularen bekommen, für die sonst eine Behörde aufgesucht werden musste. Auch ist eine Testversion für papierlose Rezeptverschreibungen von Ärzten durch diese Website in Kraft getreten. Patienten können per SMS oder E-Mail die Daten ihres Rezeptes bekommen und damit zur Apotheke gehen.

Eine humanitäre Katastrophe im Land
Viele Sorgen bereiten auch die Flüchtlingslager in Griechenland: Neben der katastrophalen humanitären Lage in Lagern auf den griechischen Inseln nahe der türkischen Grenze, befindet sich konkret seit dem 2. April und für die nächsten 14 Tage das Flüchtlingslager Ritsona auf der Halbinsel Euböa in Quarantäne. Dort wurde eine Frau positiv auf das Coronavirus getestet. Von den insgesamt 63 getesteten Personen im Lager waren 23 positiv. Seit dem 5. April ist auch das Flüchtlingslager in Malakasa, in der Nähe von Athen, in Quarantäne, da auch dort ein Mann positiv auf das Virus getestet wurde. Für einen Aufschrei sorgte auch die Kampagne #SOSMoria um die Evakuierung des berüchtigten Flüchtlingslagers auf der Insel Lesbos, die von über 5.000 Ärzten in ganz Europa unterstützt wird. Sie warnen vor tausenden Toten, falls das Virus sich im Lager ausbreiten sollte.

Sehr schnell gab es auch eine Werbekampagne, die „Menoume Spiti“, zu Deutsch: „Wir bleiben zu Hause.“ Die griechische Regierung soll laut Medienberichten Ausgaben im Wert von elf Millionen Euro für diesen Zweck bereitgestellt haben. Weiter hat der Ministerpräsident die Abgeordneten und Minister aufgefordert, die Hälfte ihres Lohns für die nächsten zwei Monate zu spenden, um dabei zu helfen, die Pandemie zu überwinden.

Da das öffentliche Leben in Griechenland so gut wie still liegt, organisieren viele Künstler digitale Live-Konzerte oder Diskussionen aus ihrem Wohnzimmern auf sozialen Netzwerken wie Instagram oder Facebook. Vielleicht hilft das ja dabei, dass das Osterfest auch 2020 nicht so seltsam wird.

Text: Anna Mavrikou
Fotos: Anna Mavrikou, agorayouth

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Folge Zwei der Reihe gibt einen Einblick in die Corona-Lage in Deutschland. In Folge Drei beleuchten wir Reaktionen und Strategien in Jugendorganisationen in beiden Ländern.

4 Gedanken zu “Das Coronavirus in Griechenland: Ein Überblick (1)

  1. Es ist wirklich unfassbar, wie nationalistisch die Pandemie diskutiert und auch pragmatisch angegangen wird. Man hat den Eindruck , dass man aus anderen Nationen nur dann etwas erfährt, wenn die Bilder reißerisch sind, die eigene Überlegenheit suggerieren oder auch mahnend an das Verhalten appellieren. Nichts erfährt man über z.B. Die Situation in Griechenland oder ein gemeinsame europäisches Krisenmanagement. Herzlichen Dank für den detaillierten Bericht von Anna Mavrikou.

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  2. Informativer und interessanter Bericht! Danke an Anna Mavrikou!
    Ich fühle mich durch die Medien, die ich lese und höre durchaus differenziert informiert, jenseits von reisserischer Berichterstattung und Überlegenheitsphantasien….

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