Dass das ostdeutsche Görlitz, die Stadt an der Neiße in der Nähe der polnischen Grenze, 1916 tausende griechische Soldaten beherbergt hat, wissen die Wenigsten – auch in Görlitz selbst. Eine Gruppe deutscher und griechischer Jugendliche hat sich Anfang Dezember auf historische Spurensuche begeben. Jan Immer schreibt darüber, was uns die Kriegsgräber lehren können.

Gut 100 Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs hießen wir griechische Schüler aus Kreta bei uns in Görlitz willkommen. Denn vom 5. bis 11. Dezember 2018 fand eine deutsch-griechische Jugendbegegnung in meiner Heimatstadt statt. Wir begaben uns auf eine historische Spurensuche in der Neißestadt, in der 1916 über 7.000 griechische Soldaten „als Gäste der Reichsregierung“ begrüßt und in einem Lager einquartiert wurden, um nicht zwischen den Fronten im Norden Griechenlands aufgerieben zu werden. Das Lagergelände befand sich im heutigen Zgorzelec, wo seit einiger Zeit eine spezielle Stelle an den Aufenthalt erinnert.

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Der Abend des 5. Dezember 2018 startete mit der Ankunft der griechischen Gruppe. Das war nunmehr das zweite Austauschprojekt, bei dem sich griechische und deutsche Jugendliche mit diesem Kuriosum der Geschichte auseinandersetzten, das selbst bei uns in Görlitz noch immer nicht jedem geläufig ist, in Griechenland hingegen in der Geschichtsbetrachtung eine wichtigere Rolle spielt und eine entsprechend höhere Bekanntheit genießt. Neben der Recherche einzelner Lebensgeschichten standen dieses Jahr jene Orte im Mittelpunkt, die mit den Griechen von damals eng in Verbindung standen. Wir versuchten diese Orte anhand historischer Aufnahmen aufzusuchen und sichtbar gebliebene, aber auch „verschwundene“ Spuren fotografisch zu dokumentieren.

Veranstaltet wurde der Jugendaustausch vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V., der mit dem Augustum-Annen-Gymnasium in Görlitz und einem Gymnasium in Souda in der Nähe von Chania, aber auch mit dem Eigenbetrieb Städtischer Friedhof Görlitz und dem Meetingpoint Music Messiaen e. V. aktive Partner gefunden hat. Das Engagement des Volksbundes liegt nahe, denn leider erlebten nicht alle griechischen Soldaten das Ende des Ersten Weltkriegs. Einige verstarben im Lager, beispielsweise infolge der Spanischen Grippe, und liegen nun als Kriegstote mit dauerhaftem Ruherecht auf dem Städtischen Friedhof von Görlitz.

Kriegsgräber sind wichtige Lern- und Gedenkorte und mahnen zum Frieden. Aus diesem Grund ist es dem Volksbund ein Anliegen, Jugendliche wie uns, aus verschiedenen Ländern und Kulturen, an diesen Orten zusammenzuführen. Wir verrichteten gemeinsam einerseits leichte Pflegearbeiten und trugen so zum Erhalt der Gedenkorte bei. Genauso wichtig war es uns jedoch, durch das Projekt die schlimmen Folgen von Krieg und Gewaltherrschaft zu erkennen und uns in Zukunft zusammen mit unseren neu gewonnenen Freunden aus Griechenland für Versöhnung und den Erhalt des Friedens einsetzen werden.

 

Es ging aber auch noch um andere Themen: So gab es beispielsweise einen Workshop-Tag in Zgorzelec, wo unsere Gruppe zunächst das ehemalige Stalag-Gelände besuchte und sich nachmittags mit den Griechen von Zgorzelec beschäftigt hat. Diese kamen nach dem Zweiten Weltkrieg in den polnischen Teil der inzwischen geteilten Stadt – noch heute gibt es dort eine kleine griechische Community. Am 6. Dezember wurden wir dann alle im Kleinen Sitzungssaal des Rathauses der Stadt Görlitz offiziell begrüßt.

Außerdem gab es eine Exkursion in die Landeshauptstadt Dresden, die wir unter dem Aspekt der Friedenssymbolik erkundeten. Ein geführter Besuch der Frauenkirche durfte hierbei natürlich nicht fehlen.

Im Frühjahr 2019 findet unsere Rückbegegnung auf Kreta statt und ich persönlich freue mich bereits, alle wiederzusehen und mit ihnen weiter an unserem Projektergebnis zu arbeiten.

Mehr dazu auch auf der Seite des Volksbund Landesverband Sachsen.

Text: Jan Immer
Fotos: Carsten Riedel, Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge, Landesverband Sachsen

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