Tuttlingen und Trikala – auf den ersten Blick haben beide Städte nicht viel miteinander zu tun, außer, dass sie mit dem Buchstaben T beginnen. Das soll ein neues Austauschprogramm zwischen der Diakonischen Jugendhilfe Mutpol und dem Freiwilligen-Netzwerk aus Trikala nun endgültig ändern. Wir haben mit Dieter Kießling gesprochen, der den Austausch mitorganisiert hat.

Agorayouth: Herr Kießling, ganz grundsätzlich: Was tut die Diakonische Jugendhilfe „Mutpol“ in Tuttlingen genau? Mit welchen Jugendlichen wird dort gearbeitet?
Dieter Kießling: Mutpol – Diakonische Jugendhilfe e.V.“ ist eine Einrichtung, die Kinder, Jugendliche, Heranwachsende und deren Eltern mit vielfältigen Angeboten dabei unterstützt, aktiv am sozialen Leben teilzunehmen, soziale Anerkennung zu erlangen und schwierige Lebenssituationen zu meistern. Mädchen und Jungen – meist im Alter zwischen 6 und 18 Jahren – erhalten je nach Bedarf stationäre, ambulante oder flexible Hilfen, sei es in Wohngruppen, Tagesgruppen, im Betreuten Jugendwohnen, durch sozialpädagogische Begleitung der Familien oder durch zahlreiche weitere Angebote.

Agorayouth: Wie ist es denn zu dem Austausch zwischen dem Freiwilligen-Netzwerk des Kreises Trikala und einer Gruppe deutscher Jugendlicher von Mutpol gekommen?
Kießling: Der Anstoß zu dem Besuch entstand im letzten November auf einer Tagung der Deutsch-Griechischen Versammlung. Dort habe ich Vasilis Adamos kennen gelernt, den Koordinator der Jugendarbeit im Freiwilligen-Netzwerk von Trikala, der in einem Forum seine Arbeit vorgestellt hat. Ich habe ihn angesprochen, und wir hatten die Idee, einen deutsch-griechischen Jugendaustausch zu organisieren. Da ich früher selbst Gesamtleiter von Mutpol war, habe ich diese Einrichtung als Träger angefragt, und mein Nachfolger, Dieter Meyer, war sofort begeistert und stieg in das Projekt ein.

Agorayouth: Ein wichtiges Thema des Austausches zwischen den 16-18-jährigen Schülerinnen und Schülern waren die ungewissen Zukunftsperspektiven: Für die jungen Griechen ist es die hohe Jugendarbeitslosigkeit und die geringen Chancen.
Kießling: Ja, die griechischen Jugendlichen waren beeindruckt von der Ausstattung unserer beruflichen Schulen mit Räumlichkeiten, technischen Geräten und Maschinen, die in keinem Vergleich zur Situation in ihrer Heimat steht. Da wurde ein großes Gefälle sichtbar, und es stand unausgesprochen die Frage im Raum, ob es in Ordnung ist, dass in Europa die Lebens- und Arbeitsbedingungen so unterschiedlich sind. Andererseits wurde den jungen Griechen deutlich, dass in Deutschland auch nicht-akademische Berufe interessant sind und sich eine Orientierung in dieser Richtung lohnen kann.

Agorayouth: Für die im Rahmen der Jugendhilfe betreuten deutschen Jugendlichen mit persönlicher oder familiärer Vorgeschichte sind es eher die verringerten Chancen auf dem Arbeitsmarkt insgesamt. Was ist diesbezüglich während des Austausches deutlich geworden?
Kießling:
Für die deutschen Jugendlichen war es eine ermutigende Erfahrung, dass auch Gleichaltrige aus einem anderen europäischen Land Schwierigkeiten haben und dass sie – z.B. bei der Arbeit in einem Naturschutzprojekt – ihre eigenen Erfahrungen präsentieren und Anleitungen geben konnten.

Agorayouth: Was sind Strategien, diese Schwierigkeiten zu überwinden? Gibt es da Parallelen zwischen den Ländern?
Kießling: Die Strategien sind sicher von Land zu Land und von Mensch zu Mensch verschieden. Gemeinsam ist aber, dass es darum geht, auch in einer schwierigen Situation Mut zu fassen, eigene Stärken zu erkennen und realistische Ziele beharrlich anzustreben. Beeindruckend war, dass die griechischen Jugendlichen trotz aller Ungewissheit bezüglich ihrer Zukunft viel Lebensfreude und Zuversicht ausgestrahlt haben.Für sinnvoll halte ich es, die Kontakte über das einmalige Kennenlernen hinaus auf institutioneller Ebene zu verstetigen. Die jungen Menschen sind ja schon bald wieder woanders und verlieren sich aus den Augen. Wenn aber konkrete Projekte des Erfahrungsaustausches und der Zusammenarbeit zwischen Trägern beider Länder – z.B. soziale Einrichtungen, Kommunen, Betriebe – gefunden werden, können davon beide Seiten profitieren.

Agorayouth: Was stand denn während des Austauschs auf dem Programm? Welche Projekte oder Initiativen haben Sie besucht?
Kießling:
Begonnen hat die Woche mit einem Besuch im Ministerium der Justiz und für Europa in Stuttgart. Es folgten Besuche in den beruflichen Gymnasien Fritz-Erler- und Steinbeisschule, die einen Einblick gegeben haben, wie dort berufliche Bildung praktiziert wird. Deutsche Schülerinnen haben hier auf Englisch ihre Ausbildungsgänge dargestellt und es folgte ein reger Austausch. Beim Besuch der Medizintechnik-Firma Aesculap wurden die griechischen Jugendlichen durch den Ausbildungsleiter und den Vortrag eines Vertreters der IHK Villingen-Schwenningen über eventuelle Berufsperspektiven in Deutschland informiert, und auch hier zeigten die vielen Rückfragen, dass die Informationen auf großes Interesse stießen.

Weitere Programmpunkte waren die Begrüßung durch den Ersten Bürgermeister von Tuttlingen, Emil Buschle, der Besuch verschiedener sozialer Projekte von Diakonie und Caritas, ein Besuch der Gedenkstätte Eckerwald (ehemaliges nationalsozialistisches Arbeitslager), die praktische Mitarbeit in einem Naturschutzprojekt von Mutpol, die Begegnung mit jungen Flüchtlingen, die bei Mutpol untergebracht sind, ein Ausflug nach Konstanz, ein sportlicher Wettkampf und nicht zuletzt ein gemeinsames Abschlussfest.

Agorayouth: Was war eine Schwierigkeit bzw. Herausforderung bei dem Austausch?
Kießling: Wir haben in unserem Programm viel Gewicht auf gemeinsame Aktionen und gemeinsames Erleben gelegt. Das hat die Kommunikation erleichtert. Ein Problem sehe ich darin, dass die griechischen Jugendlichen in der kurzen Zeit des Besuchs vielleicht den Eindruck gewonnen haben, dass in Deutschland im Vergleich zur Situation in ihrer Heimat paradiesische Zustände herrschen, die sie bei aller Anstrengung in Griechenland nie erreichen können, dass also vielleicht an Stelle einer Ermutigungder gegenteilige Effekt eintritt. Da ist eine Woche auch zu kurz, um solche Eindrücke aufzuarbeiten, und eine Änderung könnte vielleicht eintreten, wenn die Menschen in Griechenland spüren würden, dass von europäischer und speziell von deutscher Seite mehr für die Verbesserung der Lebenssituation der Menschen und nicht nur für die Absicherung der eigenen finanziellen Interessen getan würde.

Agorayouth: Freiwilliges Engagement – vor allem von Jugendlichen – ist in Griechenland noch nicht sehr verbreitet. Was konnten die griechischen Jugendlichen an Erfahrungen über ehrenamtliches Engagement in Deutschland mitnehmen und was vielleicht auch an die deutschen Jugendlichen weitergeben?
Kießling: Die ehrenamtliche Tätigkeit ist in Deutschland vergleichsweise gut organisiert und wird im sozialen Bereich oft professionell unterstützt. Auch ist sie oft mit Geld- und Sachmitteln von Firmen und anderen Spendern ausgestattet, wovon die Griechen in der Regel nur träumen können. Dass die griechischen Jugendlichen aber bei aller schulischen Belastung auch ehrenamtlich tätig sind, hat ihnen viel Bewunderung eingebracht. Auch die Mutpol-Jugendlichen arbeiten in Projekten wie dem Tafelladen oder im Naturschutz mit, tun dies aber eher im Rahmen ihrer schulischen Ausbildung.

Agorayouth: Ist schon ein Gegenbesuch der deutschen Jugendlichen in Trikala in Planung?
Kießling:
Ja, auf beiden Seiten besteht großes Interesse, den begonnenen Kontakt fortzuführen und weiter auszubauen. Als nächste Projekte sind ein Gegenbesuch von Mutpol-Jugendlichen in Trikala und die Entsendung von Studenten der Sozialarbeit, die den praktischen Teil ihrer Ausbildung bei Mutpol absolvieren, zu einem Praktikum in Trikala in’s Auge gefasst. Darüber hinaus wollen wir versuchen, weitere Anknüpfungspunkte für eine Zusammenarbeit zum Beispiel auch auf kommunaler oder betrieblicher Ebene zu finden.

Agorayouth: Vielen Dank für das ausführliche Interview!

Fotos: Mutpol e.V. 

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