Am 9./10. November 2017 stand das Thema Inklusion im Deutsch-Griechischen Jugend- und Fachkräfteaustausch im Fokus: Akteure aus beiden Ländern kamen in der erst kürzlich eröffneten barrierefreien Bayreuther Jugendherberge zusammen, um zu sensibilisieren für die Unterschiede zwischen den Ländern bei dem Thema, aber auch um Inklusion zu (er)leben und darüber nachzudenken, wie Austausche noch weiter geöffnet werden können.

Was ist schon „normal“? Eine Frage, die Menschen – unabhängig von einer körperlichen Einschränkung– unterschiedlich beantworten. „Wenn Leute durch ihr Verhalten auffallen, wenn sie sich zum Beispiel irritierend bewegen oder verhalten, führt das zu unerwünschten Reaktionen. Zum Beispiel gibt es im Arbeitsalltag bestimmte Anforderungen, die „normal“ sind, denen man entsprechen muss, die aber nicht so sein müssten“, erklärte Aristoula Papadopoulou, Aktivistin im Bereich Inklusion. Für viele Menschen mit Behinderungen gehe es um das (gesellschaftliche) „behindert werden“. Die Idee der Inklusion sei viel mehr jeden so zu nehmen und wertzuschätzen wie er ist. Helena Katsiavara von der POP Initiativgruppe Griechische Kultur in Köln ergänzte: „Bei Jugendbegegnungen grenzt es für mich jedes Mal wieder an ein Wunder zu sehen, dass innerhalb von wenigen Tagen eine Art Gleichstellung über die Ebene der Kunst stattfindet, weil es ein gemeinsames Objekt oder Ziel gibt, das man gemeinsam verwirklichen will“.

Bereits am dritten Tag des 2. Deutsch-Griechischen Jugendforums in Thessaloniki fiel die Entscheidung, dass das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) in Kooperation mit dem Deutschen Jugendherbergswerk (DJH) einen Fachtag zum Thema Inklusion im deutsch-griechischen Jugendaustausch ausrichten würde, um sich dort sowohl fachlich als auch praxisorientiert mit dem Thema auseinanderzusetzen. Sieben Monate später war es dann für die rund 30 deutschen und griechischen Akteure des Jugendaustauschs aus kulturellen Trägern, Behörden und Vereinen so weit: „Im deutsch-griechischen Jugendaustausch wurden vielfältige Aktivitäten angestoßen und Akteure vernetzt. Durch das Sonderprogramm konnten mehr als 200 Jugendbegegnungen gefördert werden“, berichtete Dorothee Jäckering (BMFSFJ) zu Beginn des Fachtags in Bayreuth. Sie erklärte, dass das Sonderprogramm gemäß der Vereinbarung auch im Jahr 2018 fortgeführt werden könne und man sich über inklusive Projekte freue.

Jugendherbergskonzept auch in Griechenland vorantreiben

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Gerhard Koller, Präsident DJH Bayern. ©Christian Herrmann

Mächtig stolz zeigte sich Gerhard Koller, Präsident des Deutschen Jugendherbergswerk in Bayern, über die erst im Juni 2017 eröffnete barrierefreie Bayreuther Jugendherberge, in der Inklusion und Integration gelebt würden: „Hier in Bayreuth haben wir uns seit 2015 intensiv damit auseinandergesetzt wie eine inklusive Gemeinschaft erlebt werden kann – angefangen von einer baulichen Diskussion über einen Wandel in der Mentalität. Es ist noch nicht alles perfekt hier und wir sind dankbar für Anregungen aus dem Teilnehmerkreis“, endete er seinen Willkommensgruß. Was gerne angenommen wurde: Schwer zu öffnende Türen, ein Fußboden, der problematisch für Rollstuhlfahrer ist, ein Bällebad mit einer Stufe als Einstieg– den Teilnehmern fielen schnell Kleinigkeiten auf, die noch verändert werden können.

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Gunnar Grüttner, DJH.

Seit dem 1. Deutsch-Griechischen Jugendforum in Bad Honnef 2014 arbeitet das Deutsche Jugendherbergswerk daran, auch in Griechenland ein Jugendherbergswerk aufzubauen, erzählte Gunnar Grüttner (DJH): „Es gibt in Griechenland Jugendherbergen, ohne dass es einen nationalen Dachverband gibt und nach gegenseitigen Besuchen und gemeinsamen Austauschen hat sich das DJH entschieden, sich dort zu engagieren und die Gründung eines Jugendherbergsverbandes finanziell zu fördern. Seit diesem Jahr gibt es nun einen Verein mit 21 Mitglieds-Jugendherbergen.“

Gedankenanstöße aus Impulsvorträgen
Bei kurzen Impulsvorträgen hatten die Teilnehmer die Chance einen Überblick über die fachliche Bandbreite des Fachtags zu bekommen, bevor sich intensive Workshopphasen anschlossen. Ulrike Werner (IJAB) berichtete von den Erfahrungen aus dem Projekt „Vision Inklusion“ und betonte, dass die Teilhabe an der Gesellschaft ein Menschenrecht sei. Für die Verwirklichung dessen brauche es allerdings nicht nur eine, sondern – je nach Träger, Startpunkt und Zielvorstellungen– viele unterschiedliche Strategien. Christoph Kriege (JUGEND für Europa) betonte, dass durch mehr Diversität die Zahl derer, die teilhaben können noch weiter vorangetrieben werden könne und müsse. Beim Europäischen Freiwilligendienst beispielsweise betrage der Anteil der Menschen mit Behinderung gerade einmal 1,23% – bei Jugendaustauschen seien es immerhin 4,26%. Raum nach oben also.

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Alexandros Taxildaris, PERPATO beim Sit-Boccia.

Im Impulsvortrag von Alexandros Taxildaris (PERPATO) ging es um den vor 15 Jahren in Komotini gegründeten Verein: „Warum ausgerechnet dort?“, fragte Alexandros, „weil es ein Beispiel ist für eine Stadt und eine Umgebung, die nicht behindertengerecht ist, eine Kommune, die kaum Erfahrungen mit Menschen mit Einschränkungen hatte.“ Ein Prozess der schon viel früher beginnen hätte müssen: „Unser Ziel bei PERPATO war es, die ganze Stadt behindertengerecht zu machen, aber auch der Stadt und den Kindern in den Schulen zu zeigen was Inklusion ist“, erzählte er. Er gab auch zu bedenken, dass dieser Prozess nie zu Ende sein werde. Paralympics-Tage an Schulen seien aber ein sehr positives Beispiel, um zu unterstreichen, was man mit Behinderungen schaffen kann und nicht das zu betonen, was nicht möglich ist – das versuchen sie auch in einem Rehabilitationszentrum mit Aktivitäten für behinderte und nicht-behinderte Menschen.

Das gesellschaftliche Bild von Behinderung in Deutschland und Griechenland
Im Workshop von Christian Papapdopoulos und Aristoula Papadopoulou ging es sehr stark um das gesellschaftliche Bild von Behinderung in beiden Ländern und die Auswirkungen auf Jugendbegegnungen. „Muskeln werden oft mit Stärke gleichgesetzt und stehen synonym für die Befähigung der einzelnen Menschen den gesellschaftlichen Vorstellungen körperlich, psychisch und intellektuell entsprechen zu können“, erklärte Christian den gesellschaftlichen Rahmen. Wer dies nicht könne, wer nicht passend gemacht werden könne, werde oft ausgegrenzt, weggesperrt oder verspüre zumindest einen immensen Anpassungsdruck. Therapiert würde oft um Defizite auszugleichen oder mit dem Leiden leben zu lernen, wofür oft „Heldenmotive“ herangezogen würden, die Andersartigkeit noch mehr betonen und die Anpassungsleistungen loben.

Ein Paradigmenwechsel von „Man ist behindert“ zu „Man wird behindert“ habe stattgefunden, stecke aber noch in den Kinderschuhen: „Behinderung ist etwas, das noch oben drauf kommt auf die Beeinträchtigung. Aber an gleichberechtigter Teilhabe hindernd sind einstellungsbezogenen Barrieren“, erklärte Aristoula. In Deutschland und Griechenland existieren viele Bilder nebeneinander: Während es in Deutschland ein differenziertes Sondersystem mit einem rehabilitativen Anspruch, der häufig nicht umgesetzt würde, gibt, würde sich in Griechenland eher an familiärer oder staatlicher Fürsorge orientiert, die natürlich durch die wirtschaftlichen Möglichkeiten weiter eingeschränkt wurde in den vergangenen Jahren. „Es ist mir wichtig, dass es in beiden Ländern Bewegungen gibt, die Behinderungen als Ergebnis von Diskriminierung und sozialer Ausgrenzung, als zusätzliche Benachteiligung begreifen und eine Verbesserung durch inklusive Prozesse vorantreiben“, betonte Christian.

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Aristoula Papadopoulou, designbar Consulting.

Den Nachbarn in dem Menschen sehen
In den darauffolgenden Workshops untersuchten Kleingruppen einzelne Themen zu Fachkräftequalifizierung, zu inklusiven Reisen, zu Konzepten in der inklusiven Praxis und zu den bestehenden gesellschaftlichen Bildern. Der zweite Tag startete ganz praktisch. Mit einer deutsch-griechischen Mini-Paralympics und einem Workshop zu inklusiver Sprachanimation wurde Inklusion erlebbar gemacht. Durch Erklärungen des Kreisauer Modells von Elzbieta Kosek und Einblicke in das Projekt „die Maske“ (PERPATO, POP Köln und FAR Polen) durch Anja Hack wurden die Möglichkeiten wie Vielfalt in der Praxis inklusiver Jugendbegegnungen erfolgreich sein kann deutlich.

Schnell wurde deutlich, dass es in beiden Ländern starke Bewegungen gegen Ausgrenzung gibt. 2015 demonstrierten in Athen 10.000 Menschen mit Behinderungen und Unterstützer gegen die Auswirkungen der Krise auf ihre Lebenssituation – weitaus mehr als bei der Demonstration für Nachbesserungen beim Bundesteilhabegesetz im November 2016 in Berlin zusammengekommen waren. Doch die Sichtbarkeit der Menschen mit Behinderungen und des Themas allgemein muss unbedingt steigen.

Auch im deutsch-griechischen Jugendaustausch ist das Thema von großem Interesse. Die Akteure waren interessiert an Methoden und Konzepten und teilweise ist in der Trägerlandschaft bereits großes Know-How vorhanden und beeindruckende Projekte wurden initiiert und durchgeführt. In der Auseinandersetzung in den Workshops und im Plenum wurde aber auch deutlich, dass es nicht das eine Modell für inklusiven Jugendaustausch geben kann, sondern es viele, situationsabhängige Modelle sein müssen. „Anfangen und Tun“, das war das Motto bei der Präsentation der Workshopergebnisse – auch um das Bild von dem was „normal“ ist zu beeinflussen.

 

 

Text: Lisa Brüßler und Friedrich Kersting
Bilder: Lisa Brüßler, Christian Herrmann

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