Die wirtschaftliche Lage in der EU bessert sich ausweislich zahlreicher Konjunkturzahlen langsam, die junge Generation aber profitiert davon (noch) nicht. Insgesamt sind 26 Millionen Kinder und Jugendliche in der EU von Armut und sozialer Ausgrenzung bedroht, stellt die Studie zur sozialen Gerechtigkeit (Social Justice Index) der Bertelsmann-Stiftung fest, die Ende Oktober 2015 vorgestellt wurde. Damit seien die Jüngeren die größten Verlierer infolge der Schuldenkrise der vergangenen Jahre. Betroffen seien nahezu 30 Prozent aller Jugendlichen, die jünger als 18 Jahre sind. Hierbei sind diese Ausprägungen in den südlichen Ländern der EU – wie Spanien, Italien oder auch Griechenland – eklatanter. Und gerade hier ist eine erhöhte Relevanz von stützenden Systemen und entlastenden, jugendgerechten Angeboten augenscheinlich.

Die Griechenlandkrise war lange Zeit das Thema auch in den deutschen Medien. Wir „durften“ teilhaben an den öffentlich ausgetragenen Ressentiments zwischen Brüssel und Schäuble auf der einen – und Tsipras und Varoufakis auf der anderen Seite. Dabei erfuhren wir viel über die Lage der Wirtschaft im Allgemeinen und die der Reederei-Dynastien Griechenlands im Besonderen – doch wie geht es eigentlich der griechischen Jugend?

von Panos Poulos

Es hat bisher in Griechenland noch nie ein vergleichbares Jugendhilfesystem wie in Deutschland gegeben, keine entsprechenden Gesetze und Strategien, wie das Jugendhilfegesetz oder der Bundesjugendplan. Für Kinder und Jugendliche in Deutschland gibt es gesellschaftlich gefordert und gefördert das Schulsystem und ein System der Jugendhilfe. In Griechenland gibt es außerhalb der Schule kein weiteres System, das Kinder und Jugendliche auffängt.

Außerschulische Jugendarbeit in Griechenland gibt es in der Form, wie sie in Deutschland existiert, nicht. Es handelt sich in Griechenland fast ausschließlich um ehrenamtliche Vereinsarbeit, die vom griechischen Staat nicht institutionell gefördert wird. Die einzige Förderung für Jugendaktivitäten kommt zu fast 90 Prozent über EU-Jugendprogramme.

Insofern existiert kaum eine Infrastruktur für Jugendarbeit in Griechenland, wie es in Deutschland bekannt ist, wie z.B. Jugendtreffs und Jugendclubs, Jugendzentren, Jugendkulturhäuser, Jugendberatungsstellen usw.

Es gibt keine staatlichen bzw. kommunalen Mittel, mit denen sich zumindest eine elementare Planung einrichten ließe, es gibt keine Jugendgremien (Jugendringe auf Stadt-, Bezirks-, Regionalebene usw.), wo Jugendliche sich austauschen, gemeinsam planen und ihre Interessen vertreten können.

Kurz gefasst, es existiert keinerlei Interaktion zwischen Staat und Zivilgesellschaft in Griechenland für außerschulische Kinder- und Jugendarbeit. Nur einzelne freie Träger sind aktiv, die teilweise aber hervorragende Jugendarbeit leisten. Diese Arbeit ist wiederum bisher in keinen Gesamtrahmen der Jugendarbeit in Griechenland eingeflossen.

Die kulturelle Jugendarbeit in Griechenland wird ebenfalls hauptsächlich von freien und kommunalen Einrichtungen angeboten. Sie basiert auf vorwiegend ehrenamtlicher Vereinsarbeit und wird hauptsächlich über Kommunalmittel sowie Spenden von Stiftungen gefördert.

In Griechenland wird seit 15 Jahren eine kontroverse Diskussion über die sogenannte non-formal education zwischen staatlichen Institutionen und Zivilgesellschaft geführt. Es gab einen regelrechten Streit zwischen dem griechischen Bildungsministerium und Bildungsgremien der Europäischen Union wegen der Nichtanerkennung der außerschulischen Bildung und Jugendarbeit in Griechenland seitens des griechischen Staates. Der Streit wurde erst vor kurzem beendet, nachdem der griechische Staat diesen Terminus akzeptiert hat. Trotzdem schreitet vieles in diesem Bereich weiterhin langsam und schwierig voran.

Die Unterschiede beider Länder spiegeln sich auch in der pädagogischen Ausbildung. Es gibt kein für Jugendarbeit relevantes Studium in Griechenland. Da kaum außerschulische Kinder- und Jugendhilfestrukturen in Griechenland existieren, kann auch keine praxisorientierte pädagogische Ausbildung für Jugendsozialarbeit, Jugendkulturarbeit, Jugendbildung usw. angeboten werden. Sie macht auch wenig Sinn, wenn Bemühungen um die Zukunft junger Menschen nicht in ein systematisches Wirkfeld einzubetten sind.

Das hat Folgen bei der Suche nach Multiplikator(inn)en der Jugendarbeit in Griechenland (Jugendarbeiter[innen], Jugendberater[innen], Gruppenleader) und bei der Entwicklung und Ausübung jeglicher Jugendpolitik im Lande. EU-geförderte Projekte (wie Erasmus+ etc.) sind zwar wichtig, sie können aber kaum Wurzeln schlagen, da kein fortführender Gesamtplan für die Jugendarbeit im Lande existiert.

Da es keine nennenswerte Kinder- und Jugendhilfe in Griechenland gibt, war natürlich keine „Verschlechterung“ in diesem Bereich während der Krise zu attestieren. Aber die allgemeine Wirtschaftslage hat die Zukunftschancen und Perspektiven der griechischen Jugend mit voller Wucht getroffen.

Es hat niemals eine Form von BAföG bzw. Studienhilfe in Griechenland gegeben; das Studium wird ausschließlich von den Familien finanziert. Einen kleinen Mietzuschuss für Student(inn)en gibt es lediglich für sozial schwache Familien. Studentenwohnheime sind eine Rarität.

Kindergeld wurde in Griechenland erst im Jahr 2012 eingeführt und zwar ebenfalls nur für sozial schwache Familien. Es beträgt maximal 300 Euro pro Kind und Jahr. Der Kinderfreibetrag ist bei der Lohnsteuer seit 2013 abgeschafft. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt heute unverändert um die 70-Prozentmarke, und die Beschäftigungsverhältnisse sind sehr kritisch geworden. Der Verdienst bei Neuanstellungen junger Menschen liegt 30 bis 40 Prozent unter dem Niveau von 2011 – und das bei deutlich gestiegenen Lebenshaltungskosten und zusätzlichen Steuern.

Arbeitslosengeld gibt es nur für die Dauer von maximal zwei Jahren. Im ersten Jahr liegt der Satz für Vollbeschäftigte, die ihren Job verlieren, zwischen 300 und 350 Euro im Monat, sowie bei einem Festbetrag von 200 Euro im Monat für das zweite Jahr, unabhängig vom letzten Verdienst. Es existiert außerdem keine Art von Arbeitslosenhilfe oder Sozialhilfe.

All das hat Auswirkungen auf die Lebenssituation junger Menschen in Griechenland. Junge Leute können nicht mehr ihren Lebensunterhalt allein bestreiten und sind gezwungen, weiterhin in ihren Elternhäusern zu leben. Das erschwert eine Entwicklung hin zu einem unabhängigen, selbstbestimmten Leben, die Gründung eines eigenen Haushalts sowie einer eigenen Familie.

Persönliche Entwicklungsperspektiven für junge Menschen sind durch die derzeitige Situation gefährdet. Jugendliche sehen kaum Chancen, eine Beschäftigung in Griechenland zu bekommen, die ihrem Studium oder ihrer Berufsausbildung entspricht. Sie sind auf Gelegenheitsjobs, sehr oft ohne Versicherung, angewiesen. Ihre Perspektiven sind unter der gegebenen Situation sehr begrenzt und ihre Motivation, ein eigenes Leben in Griechenland aufzubauen, gering.

Die Auswanderung junger Griechen ins Ausland hat dadurch stark zugenommen. Das führt zum Verlust von hochqualifizierten und gut ausgebildeten Arbeitskräften, die in Griechenland mit viel Mühe und Einsatz ihrer Familien ausgebildet worden sind. Diese Menschen werden dem griechischen Steuer-, Sozial- und Rentensystem fehlen, und die Auswirkungen werden längerfristig, sowohl ihren eigenen Familien als auch dem Land, schaden.

Eine ständig wachsende Politikverdrossenheit junger Menschen bzw. das Abdriften der jungen Wählerschaft zu extremen Parteien ist ebenfalls eine gefährliche Entwicklung der Krisenjahre. Was ist dagegen zu tun? Gibt es eine berechtigte Hoffnung auf eine Besserung der Situation?

Nach Jahren der anhaltenden Schuldenkrise haben viele Griechen scharfe Einschnitte bei Einkommen, Sozialleistungen und Gesundheitsversorgung hinnehmen müssen. Das hat Auswirkungen auch auf die griechische Zivilgesellschaft und ihre Strukturen. Jugendarbeit wird leider z. Z. als überflüssig, als Luxus angesehen, während die Menschen um das Nötigste kämpfen müssen. Dabei wäre dringend eine neue politische Kultur in Griechenland nötig.

Ein politisches Personal, das eine grundlegende Veränderung des Staatsapparates für notwendig hält und sie, ohne Wenn und Aber, forciert. Sehr wichtig wäre auch eine intensive europäische Kooperation seitens Griechenlands in allen möglichen Aspekten der Jugendarbeit. Das Wort „Jugendarbeit“ ist leider immer noch, trotz 35-jähriger EU-Zugehörigkeit Griechenlands, ein importiertes und nicht „richtig eingepflanztes“ Fremdwort. Der griechische Staat hatte es versäumt, dieses absolut wichtige Instrument richtig aufzubauen und zu nutzen. Es wurden all die Jahre kaum Jugendstrukturen, kaum Jugendnetzwerke und gar keine Studienmöglichkeit in Griechenland geschaffen, um Jugendarbeit voranzutreiben.

Ein Staat, der es jahrzehntelang versäumt hat, zivilgesellschaftliche Strukturen institutionell zu unterstützen, zeigt nunmehr inmitten der Krise um so weniger Interesse, solche Strukturen aufzubauen und zu etablieren. Viele aktive Organisationen, die Kritik und Forderungen offen vorgetragen haben, wurden während der letzten Jahre vom griechischen Staat bekämpft, öffentlich in Frage gestellt, fiskalisch verfolgt usw. Das Resultat war, dass viele dieser Gruppen ihre Tätigkeit eingestellt haben.Das ist aber genau der falsche Weg, um die Gesellschaft zusammenzuhalten und junge Menschen, die in eine prekäre Lage geraten sind, zu unterstützen.

Die Initiative der Bundesregierung, ein deutsch-griechisches Jugendwerk im Jahr 2016 einzurichten, ist eine der Zukunftschancen für die griechische Jugendarbeit. Leider ist auch dieses Vorhaben ins Stocken geraten. Die ersten Veranstaltungen, die im Kontext des Aufbaus eines deutsch-griechischen Jugendwerks stattfanden, belegten ein großes Interesse griechischer Organisationen und zugleich eine große thematische Vielfalt. Hierbei engagierten sich auch Organisationen, die noch keine Erfahrung mit internationaler Jugendarbeit haben – lokale Kulturvereine oder Initiativen für alternativen Tourismus etc.

Was ihnen fehlt ist die Erfahrung, wie man einen Jugendaustausch organisiert, wie man Mittel beantragt oder auch, wie man pädagogisch eingreift, wenn mal gerade nicht alles rund läuft. Vereine aus Opfergemeinden der deutschen Besatzung Griechenlands können ebenfalls von Mitteln des deutsch-griechischen Zukunftsfonds des Auswärtigen Amtes für den Aufbau von Jugendbegegnungen profitieren.

Wie bereits erwähnt gibt es in Griechenland kaum Koordinierungsstrukturen auf staatlicher, regionaler oder kommunaler Ebene. Es muss alles von Grund auf aufgebaut werden. Es gibt jedoch Beispiele von freien Trägern, die eine große Erfahrung mit EU-Projekten vorweisen können. Sie haben in der Vergangenheit miteinander gut kooperiert. Es gibt immer noch ein paar regionale Jugendringe, die ebenfalls gute Lobbyarbeit vor der Krise geleistet haben.

All diese Gruppierungen müssten sich erneut zusammensetzen und gemeinsam überlegen, wie es in der Zukunft weitergehen kann. Dies müsste allerdings vorerst von überstaatlichen Institutionen (EU-Kommission, Jugendsektor des Europarats u.ä.) und von regierungsunabhängigen Institutionen (deutsch-griechisches Jugendwerk) unterstützt werden, da z. Z. der griechische Staat gar nicht in der Lage ist, solch ein Vorhaben zu etablieren. Das deutschgriechische Jugendwerk sollte dabei eine zentrale Rolle spielen.

Wie eingangs erwähnt: Eine fachliche Koordinierung der Jugendarbeit existiert nicht in Griechenland, um gute Träger und Jugendinitiativen zukunftsweisend zu unterstützen. Ohne eine solche unterstützte Anfangskoordinierung in Griechenland und den sukzessiven Aufbau von staatlichen und kommunalen Jugendarbeitsbehörden wird es unmöglich sein, eine seriöse Jugendarbeit im Lande aufzubauen.

Über den Autor:
Panos Poulos
Diplom-Politologe, Jugendberater / Filoxenia,
Intercultural-Environmental Organisation
www.filox.org

Vorstandsmitglied / European Youth Centres
Network – ENYC
www.eycn.org

Dieser Artikel ist zuerst in Corax – Fachmagazin für Kinder- und Jugendarbeit in Sachsen erschienen.

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