Spiros Moskovou ist Leiter der Griechenland-Redaktion der Deutschen Welle und ein exzellenter Kenner der deutsch-griechischen Beziehungen. Vor dem deutsch-griechischen Jugendforum in Bad Honnef hielt er am 3. November eine vieldiskutierte Rede, die wir hier im Wortlaut wiedergeben.

Von Spiros Moskovou

Lassen Sie mich mit einem kleinen Einblick in meinen Journalistenalltag anfangen. Die Griechische Redaktion der Deutschen Welle kooperiert mit verschiedenen griechischen Medien, auch mit einem TV-Sender. Wir werden immer wieder aus Bonn in das abendliche Nachrichtenmagazin des Partnersenders eingeschaltet. Wir versuchen dann die Berliner Politik einem griechischen Publikum zu erklären und einzuordnen, sicherlich nicht die einfachste Aufgabe seit Ausbruch der sogenannten Eurokrise.

Es ist nicht lange her. Es war im März 2012. Die Telefone liefen heiß zwischen Athen und Bonn. In der griechischen Hauptstadt war soeben eine Mini-Kabinettsumbildung erfolgt: Wirtschaftsminister Michalis Chrysochoidis war ins Ministerium für Innere Sicherheit versetzt worden. Am Telefon waren die Kollegen des Partnersenders. Chrysochoidis sei doch ein paar Tage zuvor öffentlich von seinem deutschen Amtskollegen Philipp Rösler wegen Verschleppung verschiedener Investitionsvorhaben gerüffelt worden. Es liege auf der Hand, so die Kollegen aus Athen, dass die Absetzung von Chrysochoidis auf Wunsch Berlins erfolge. Der DW-Kollege möge deshalb in seinem Live-Kommentar in den Abendnachrichten die Minister-Verschiebung als „logische Konsequenz“ des Rösler-Wutausbruchs untermauern. So die Bitte des Partnersenders.

Die Videoschalte des DW-Kommentators an diesem Abend untermauerte nur eins: die Absurdität ähnlicher Spekulationen. Doch der Vorfall ist typisch für das zunehmend negative Image Deutschlands in den griechischen Medien und der griechischen Öffentlichkeit im Zuge der Schuldenkrise. Man bedient lieber das Klischee eines griechischen David, der sich einem deutschen Goliath gegenüber zu positionieren versucht. Ein Deutschland, das das ertrinkende Partnervolk der Griechen zu retten versucht, ist nicht gefragt. Griechenland ist von einer nie dagewesenen Krise erfasst. In einer solch schwierigen Situation hat die Selbsttäuschung eines Unschuldigen, der permanent attackiert wird, etwas Tröstendes. Eine Erlösung bedeutet sie allerdings nicht.

„Im Grunde genommen schadet diese ‚anti-deutsche‘ Umdeutung der Krise nicht so sehr Berlin, sondern uns Griechen selbst.“

Die Schuldenkrise hat das politische System in Athen ins Wanken gebracht, da die Finanzklemme auch seine eigene Erstickung zur Folge hat. Letztlich haben die Regierungen der vergangenen 30 Jahre – der sozialdemokratischen PASOK wie der konservativen Neuen Demokratie – die heutige Misere des Landes auf dem Gewissen. So suggeriert man gerne , dass der schwarze Peter doch wo anders sitzt, zum Beispiel in Berlin. Ein Teil der Medien, wie übrigens auch anderswo, macht mit und entdeckt bei jeder Etappe des Niedergangs den Schuldigen im Ausland. Im Grunde genommen schadet diese „anti-deutsche“ Umdeutung der Krise nicht so sehr Berlin, sondern uns Griechen selbst. Ohne eine ehrliche Analyse der Realität wird man den Karren nicht aus dem Dreck ziehen können.

In Deutschland dagegen gibt es keine anti-griechische Stimmung, eine nüchterne Feststellung, die immer wieder meine griechischen Gesprächspartner in Athen und an herrlichen Ferienorten überrascht. Es gab tatsächlich eine furiose öffentliche Debatte über das griechische Schuldenproblem im Jahre 2010, aber diese Debatte wird seit langem nicht mehr emotional geführt. Die großen europäischen Hauptstädte waren damals auf die Schuldenkrise in der südlichen Eurozone völlig unvorbereitet und von ihrer Vehemenz regelrecht überrascht. Zu diesem Zeitpunkt gab es unter den deutschen Eliten unterschiedliche Konzepte zur Überwindung der Krise. Für die Einen musste der harte Kern der Eurozone unter Führung Deutschlands allein die Herausforderungen der Zukunft bewältigen, also ohne die Bürde der südlichen überschuldeten Peripherie. Für die Anderen nur die gesamte Eurozone, also samt „Tüchtigen“ und „Sündern“, könnte die Bewährungsprobe bestehen und letztendlich auch die Prosperität Deutschlands längerfristig garantieren.

„Viele Griechen sind noch gekränkt wegen der Bild-Zeitung-Schlagzeilen, wie ‚Verkauft doch eure Inseln‘ oder ‚Die Pleite-Griechen‘ oder ‚Miese Zahlungsmoral‘.“

Wie wir heute wissen, die Politik der Rettung der gesamten Eurozone hat trotz verspäteter Entscheidungen und anfänglich zögerlicher Maßnahmen die Oberhand gewonnen. Damals allerdings, in der ersten Phase der Schuldenkrise, haben die deutschen Medien, wie auch anderswo, die Meinungsverschiedenheiten der Eliten des Landes wiedergespiegelt. So sollte man die anti-griechische Kampagne der Boulevardzeitung Bild oder etwa der Zeitschrift Focus interpretieren, als journalistische Rückendeckung einer Politik, die den schwächeren europäischen Süden abschütteln wollte, die aber vom offiziellen Berlin nicht verfolgt wurde. In Griechenland freut man sich leider kaum über das Scheitern dieses politischen Ansatzes. Viele Griechen sind noch gekränkt wegen der Bild-Zeitung-Schlagzeilen, wie „Verkauft doch eure Inseln“ oder „Die Pleite-Griechen“ oder „Miese Zahlungsmoral“.

Es ist richtig, dass das deutsche Entsetzen wegen der griechischen Haushaltslage einen polemischen Überschuss produziert hat, der einer Erklärung bedarf. Die Finanz- oder Schuldenprobleme von Irland oder Portugal, später von Italien oder Spanien, wurden in Deutschland nicht so leidenschaftlich wie die griechische Katastrophe diskutiert. Zum Sinnbild dieser manchmal überschäumenden Polemik wurde das Münchner Magazin Focus, das auf dem Titelblatt die Venus von Milo mit ausgestrecktem Mittelfinger zeigte, daneben die Zeile „Betrüger in der Eurofamilie“. Aber genau dieses nie dagewesene Titelbild und die folgenden Artikel dieses Heftes von Focus zum angeblich Jahrhunderte währenden Verfall der griechischen Nation bieten uns den Schlüssel zur richtigen Interpretation der ganzen Empörung.

„Mit anderen Worten die Deutschen haben sich als Seelenverwandte der alten Griechen verstanden.“

Am Anfang war die Liebe, eine besondere deutsche Liebe, die einmalige Idealisierung des antiken Griechenlands. Es ist vielleicht lange her, aber Liebe und Idealisierung leben fort, auch wenn sie nicht mehr aktuell sind, schlummern im kollektiven Bewusstsein und warten, bis sie wieder erwacht werden. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts machten deutsche Gelehrten eine für die deutsche Nationswerdung schicksalhafte Entdeckung: Griechenland als Wiege der Demokratie und der Kultur. Sie erforschten demnächst die antike griechische Welt und ihre Errungenschaften mit der Inbrunst, über die nur geistige Nachfahren verfügen. Von Johann Joachim Winckelmanns „edler Einfalt und stiller Größe“ bis zu der Alexander-Biografie von Gustav Droysen, der die Preußen als Makedonen der Neuzeit anpries, die deutschen Intellektuellen entdeckten oder konstruierten zahlreiche Berührungspunkte zu den Hellenen. Mit anderen Worten die Deutschen haben sich als Seelenverwandte der alten Griechen verstanden. Noch im Jahre 1935 diagnostizierte die irische Germanistin Eliza Marian Butler in ihrem berühmten Buch von der „Tyrannei Griechenlands über Deutschland“ die griechische Fixierung der deutschen Nation. Die Zivilisation Roms gehörte den Franzosen, die Kultur Griechenlands den Deutschen.

Auch wir, die Neugriechen, wurden vom europäischen und ganz besonders vom deutschen Philhellenismus entsprechend indoktriniert, was anscheinend nicht nur Gutes für unsere psychische Hygiene bedeutete. An dieser Stelle möchte ich den griechischen Denker Nikos Dimou zitieren. In seinem Buch unter dem Titel „Die Deutschen sind an allem schuld“, dass in diesem Jahr auf Deutsch erschienen ist, schreibt der kritische Intellektuelle: „Das gewaltige Vorbild einer idealisierten Antike hat uns auf der einen Seite stolz gemacht – auf der anderen erdrückt. Diese Identifikation gab uns ein Gefühl der Überlegenheit – obwohl wir merkten, dass dieses Gefühl nicht zu unserer gegenwärtigen Position in der Welt passte. So entwickelten wir gleichzeitig einen Überlegenheits- und einen Minderwertigkeitskomplex. Die deutschen Gelehrten haben uns eine große Last auf die Schultern gelegt, die wir wie der alte Atlas immer mit uns tragen müssen. Wobei wir eigentlich ein junges, neues Land sind, das seinen Weg und eine neue Identität zu finden versucht. Und wenn Sie mal wieder in einer Umfrage lesen, dass die Griechen sich als das auserwählte Volk sehen (und deshalb klagen, dass die Welt sie nicht genug achtet oder unterstützt), wenn sie gegen die ganze Welt protestieren, weil sie keinen Respekt für sie zeigt, dann sollten Sie wissen: Winckelmann (und die Deutschen) sind an allem schuld.“ So Nikos Dimou.

Unter diesen historischen Voraussetzungen gewinnt die anti-griechische Polemik des Jahres 2010 die Konturen einer enttäuschten Liebe. Um kurz zum Titelbild von Focus zurückzukehren, die Venus von Milo als Inbegriff der Antike und die obszöne Geste markieren genau die Fallhöhe, aus der Griechenland, das geliebte Griechenland, in deutschen Augen nur abstürzen kann. Es war übrigens nicht das erste Mal in der Geschichte, dass das heutige Griechenland seinem idealisierten Bild nicht entsprechen konnte. Schon im 19. Jahrhundert, in der Blütezeit des Philhellenismus und während der Gründungsjahren des neugriechischen Staates, vor und nach der Befreiung Griechenlands von den Osmanen, besuchten das gelobte Land ihrer Phantasie viele tapfere Söhne Westeuropas. Dabei trafen sie eher eine verarmte und ungebildete Bevölkerung, als edle Nachkommen der Antike.  Zu dieser Zeit behauptete der Münchner Professor Jakob Philipp Fallmerayer nach Untersuchungen zu Sprache, Brauchtum und Ortsnamen, dass die alten Hellenen vermutlich im Mittelalter ausgestorben und die heutigen Griechen in Wahrheit Nachfahren von Albanern und zugewanderten Slawen seien. Fallmerayer verlor seine Professur, da die Wittelsbacher dabei waren, den neu begründeten Thron zu besteigen. Die Thesen Fallmerayers werden in der heutigen Wissenschaft nicht mehr vertreten. Ein letztes Mal wurden sie aber von den Nazis bemüht, um ihre grauenvolle Okkupation Griechenlands zu rechtfertigen. Hitler war außerordentlich enttäuscht, weil er ursprünglich damit rechnete, dass die Nachfahren der alten Griechen den Einmarsch der deutschen Wehrmacht nur begrüßen würden. Weil das nicht der Fall war, belebte die Nazipropaganda wieder die Theorie der degenerierten griechischen Nation.

„Das eigentlich Erstaunliche ist, dass nach dem Krieg in Griechenland keine Kultur des Ressentiments gegenüber Deutschland entstanden ist.“

Die deutsche Besatzung in Griechenland während des 2. Weltkriegs hat das Land an den Rand des Ruins getrieben. Die Deutschen verübten Massaker, sie hinterließen eine zerstörte Infrastruktur und verlangten von der griechischen Zentralbank sogar ein sogenanntes „Besatzungsdarlehen“. Das eigentlich Erstaunliche ist, dass nach dem Krieg in Griechenland keine Kultur des Ressentiments gegenüber Deutschland entstanden ist. Im Gegenteil: Die Griechen vergaben den Deutschen verblüffend schnell. 1952 öffnete das weltweit erste Goethe-Institut in Athen seine Pforten. 1956 führte die erste Auslandsreise des ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss nach Griechenland. Und später, während der Obristendiktatur in Griechenland zwischen 1967 und 1974, sammelte Deutschland Pluspunkte, weil das Goethe Institut in Athen der demokratischen Opposition eine Zuflucht war und die Griechische Sendung der Deutschen Welle aus Köln zu einer der wenigen freien Informationsquellen für die Griechen avancierte.

In den letzten Jahren der Schuldenkrise ist allerdings wieder die Frage der deutschen Reparationen als eine Art Retourkutsche in der griechischen Öffentlichkeit aufgetaucht. Der schlichte Gedanke vieler Griechen lautet: bevor die Deutschen uns finanzpolitisch bevormunden, sollten sie lieber ihre alten Schulden begleichen. Ich bin kein Experte im Internationalen Recht, aber ich vermute, dass in der Nachkriegszeit weder die griechischen Regierungen ihre Reparationsansprüche mit Nachdruck in Bonn geltend gemacht haben, noch die deutschen Regierungen mit großer Verve solchen Ansprüchen nachgegangen wären. An dieser Stelle erinnere ich mich an meinen Vater, der ein paar Jahre als Mitglied des griechischen Widerstands während der deutschen Besatzung in Lanzendorf, einem Außenlager von Mauthausen, verbracht hat. Als ich ihn um 2000 darauf aufmerksam gemacht habe, dass er eventuell Anspruch auf eine Rente als Entschädigung hätte, war seine Reaktion unmissverständlich. „Es war damals Krieg“, meinte er, „und wir haben den Krieg verloren. Kapital daraus will ich nicht schlagen.“ Ich gehe davon aus, dass diese Haltung im Moment nicht konsensfähig in der griechischen Gesellschaft ist. Respektabel ist sie trotzdem.

 „Diese Freundschaft als etwas Kostbares zu pflegen ist unter anderem die Aufgabe der Jugendorganisationen aus beiden Ländern.“

Ich habe ansatzweise Tiefen und Höhen der deutschgriechischen Beziehungen skizziert, die Verflechtung von Phantasie und Realität bei der gegenseitigen Wahrnehmung betont, anhand von manchen Beispielen die Komplexität einer Völkerfreundschaft angedeutet. Und dabei habe ich nicht mal die unzähligen Griechen erwähnt, die in Deutschland leben oder gelebt haben, und auch nicht die unzähligen Deutsche, die seit Jahrzehnten ihren Urlaub in Griechenland verbringen. Die Fülle all dieser unterschiedlichen Berührungspunkte zwischen Deutschen und Griechen bezeugt im Grunde genommen eine tiefe Freundschaft. Diese Freundschaft als etwas Kostbares zu pflegen ist unter anderem die Aufgabe der Jugendorganisationen aus beiden Ländern. Liebe deutsche Freunde, intensivieren Sie die Kontakte zu Griechenland, lernen Sie von seiner alten Geschichte und seiner heutigen Alltagskultur. Liebe griechische Freunde, kultivieren Sie die Kontakte zu Deutschland, lernen Sie von seiner einmaligen Kultur der Kreativität und Erneuerung.

Einen Kommentar des Autors zur aktuellen politischen Lage gibt es auf der Homepage der Deutschen Welle (Englisch).

Quelle des Artikels: IJAB-Homepage

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4 Gedanken zu “Zwischen Begeisterung und Enttäuschung

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