Ab in die Zukunft

Anna Bertels ist Deutsche und lebt seit 40 Jahren in Athen. Lange Zeit war sie berufstätig in deutschen Firmen – seit ihrer Pensionierung engagiert sie sich in der Evangelischen Kirchengemeinde Deutscher Sprache. Dort besucht deutsche Inhaftierte im Frauengefängnis in Korydallos und unterstützt junge Geflüchtete. Einer ihrer Schützlinge, der 16-jährige Nasrudal, kam vor kurzem bei seinem Bruder in Bielefeld an.

Dieses Foto erhielt ich Ende Juli von Nasrudal mit dem Kommentar „I arrived.“ Im Rahmen der Familienzusammenführung und wegen der besonderen schwierigen Lage von unbegleiteten Flüchtlingskindern und Jugendlichen in Griechenland ging es für ihn am 30. Juli 2020 mit Aegean Airlines nach Köln. Auch wenn das eigentlich gute Nachrichten sind, schaute er traurig aus auf dem Bild.

Nasrudal bei seiner Abreise aus Athen nach Köln.

Ich hatte Nasrudal seit letztem Sommer unter meiner „Obhut“. Kontakt zu ihm bekam ich, als ich von einer Anwältin vom AK Asyl in Bielefeld über sein Schicksal erfuhr. Sein Bruder hatte bereits Asyl in Deutschland bewilligt bekommen und wohnt und arbeitet in Bielefeld. Der Plan ist, dass er Nasrudal bei sich aufnimmt.

Suche in Hinterhöfen
Schon vor Jahren hatte mich diese Anwältin um Hilfe für einen jungen Iraker, Saman, gebeten, der auf der Flucht von seinen Eltern getrennt und in Athen gestrandet war. Ihn ausfindig zu machen, war damals sehr schwierig. Ich weiß noch, wie ich irgendwo in einem sozial schwachen Vorort von Athen nach ihm suchte. Ich fand nicht die Hausnummer, aber in einer kleinen Wohnung – wenn man es überhaupt so nennen kann – im Hinterhof, sehr versteckt, entdeckte ich ihn bei einer Gruppe von jungen Männern. Einer der Männer sprach Griechisch, sodass wir uns verständigen konnten. 

Saman war 12 Jahre alt und so tapfer. Damals war noch die Dublin-Verordnung in Kraft. Eine Odyssee begann mit Besuchen bei der deutschen Botschaft, Anforderung von amtlichen Papieren bei Verwandten, Untersuchungen im Kinderkrankenhaus und so weiter. Nach ein paar Monaten wohnte er in einer anderen Gegend, zufällig konnte ich das erfahren durch die Adresse eines Internet-Cafes, die ich telefonisch aus Bielefeld unter großen sprachlichen Schwierigkeiten erfuhr. Auch dort besuchte ich ihn, wo er wiederum mit anderen jungen Männern lebte. Danach habe ich nichts mehr gehört und er war auch nicht mehr dort. Offensichtlich wollte oder konnte er nicht auf die amtliche Ausreisegenehmigung warten. 

Nach Wochen erfuhr ich von AK Asyl, dass er offensichtlich mit einem Schleusering nach München kam. Total erschöpft, in einem Lkw versteckt, landete er dort und kam dann endlich zu seinen Eltern – diese letztendlich gute Nachricht bekam ich durch AK Asyl in Bielefeld.

Alles beginnt auf Kastellorizo 
Der erste Kontakt mit AK Asyl war in 2014. Wir hatten Urlaub auf der kleinen griechischen Insel Kastellorizo gemacht und eine Deutsche kennen gelernt, die dort schon viele Jahre mit ihrem griechischen Mann wohnte und Zimmer vermietete. Danach hielten wir Kontakt, denn zu diesem Zeitpunkt begannen die ersten „Flüchtlingsströme“. Da Kastellorizo direkt gegenüber der Türkei liegt, war die Insel besonders stark betroffen. Die Situation war für uns beide nicht nur Hilfeleistung, sondern eine Herzensangelegenheit: Die Anzahl an Geflüchteten auf dieser kleinen Insel lag in diesem Zeitraum teilweise mehr als drei Mal höher als die Zahl der Einwohner.

Inzwischen wohnt diese Deutsche wieder in Hannover. Sie hatte durch deutsche Touristen, die bei ihr  gewohnt hatten, von einem Fall erfahren, wo das minderjährige Kind von seinen Eltern getrennt wurde auf der Flucht und in Athen gelandet war. Der direkte Kontakt war zu einer Juristin von AK Asyl, die dort arbeitete. Diese wandte sich nun in 2019 wieder an mich und schilderte mir die Situation von dem 16-jährigen Nasrudal.

Vom Athener Viktoria-Platz nach Bielefeld
Viele Monate lebte er im vergangenen Jahr unter schlimmen Bedingungen in einem Zelt mit anderen afghanischen Flüchtlingen auf dem Viktoria-Platz im Zentrum Athens. Zum Ende des Jahres 2019, aufgrund der winterlichen Temperaturen, fand er mit anderen jungen unbegleiteten Afghanen eine Einrichtung, in der sie Unterkunft und eine Mahlzeit bekamen. Aber es fehlte Nasrudal  im Hinblick auf den nahenden Winter an warmer Kleidung. 

Freunde aus der Schweiz, denen ich von ihm erzählt hatte, spendeten spontan einen Betrag, um mit ihm „shoppen“ zu gehen. Das war ein Erlebnis, als wir H&M unsicher machten! Noch im Juni ging ich nochmals mit ihm einkaufen, damit er etwas sommerlichere Kleidung hatte.

Durch die Familienzusammenführung ging es bei Nasrudal zum Glück auf dem legalen Weg nach Deutschland. Doch auch dort erwarten ihn wieder viele Herausforderungen. Er ist aber nun aber sicher bei seinem Bruder in Bielefeld angekommen – das weiß ich, weil er mir ein zweites Foto geschickt hat. Auf dem lacht er.

Nasrudal angekommen in Bielefeld bei seinem Bruder.

Mehr zu Anna Bertels Engagement in Athen und ihrem ersten Blogbeitrag auf agorayouth gibt es hier zu lesen.

Text: Anna Bertels
Fotos: privat

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