Elisa Henke hat bis Ende Februar einen Europäischen Freiwilligendienst im griechischen Serres absolviert. In der NGO PRAXIS arbeitete sie sechs Monate mit Geflüchteten. Auf agorayouth hat sie eine dreiteiligen Serie über ihre Erlebnisse geschrieben. Im letzten Teil berichtet sie über fehlende Berührungspunkte von gesellschaftlichen Gruppen, aber auch über erfolgreiche Initiativen wie das Fußballtournier „Football against racism“.

Griechenland gehört zu den mediterranen Staaten Europas. Über die letzten Jahre hat sich das Land am Mittelmeer von einer paradiesischen Attraktion für Flüchtlinge zu einem Albtraum entwickelt, die vor Krieg und Terrorismus in Nordafrika oder dem Nahen Osten fliehen. Seit der Finanzkrise von 2008 ist es fraglich, ob Griechenland selbst als stabil eingestuft werden kann. Die Herausforderungen der massiven Migrationsbewegung waren für das Land daher noch schwieriger zu bewältigen. Durch meinen Freiwilligendienst war es mir möglich, einen tieferen Einblick in die Situation der Flüchtlinge im Norden Griechenlands zu bekommen. Für mehr als sechs Monate stand ich im täglichen Kontakt mit Geflüchteten und habe sie durch Sprachunterricht und bei bürokratischen Prozessen unterstützt.

Wenn das „Hotel Alexander“ zur neuen Heimat wird
Schon vor meiner Ankunft in Griechenland habe ich eine Gruppe von Geflüchteten  unterstützt. Daher habe ich fälschlicherweise angenommen, auf das, was mich in Serres erwarten würde, vorbereitet zu sein. Die Flüchtlinge, mit denen PRAXIS arbeitet, kommen aus Afghanistan, dem Irak und dem Iran. Es gibt drei große Camps, in denen die Geflüchteten zusammen mit ihren Landsleuten leben. In den zwei größeren Camps leben Menschen aus dem Iran und Irak. Leider ist es PRAXIS als Organisation nicht gestattet, dieses Gelände zu betreten. Die Regierung versucht mit allen Mitteln den Aufbau von Verbindungen zwischen den Geflüchteten aus den Camps und den NGOs zu verhindern.

Die dritte und kleinste Gruppe von Geflüchteten wohnt in einem Hotel rund elf Kilometer außerhalb der Stadt. In den letzten Jahren wurde das Hotel „Alexander“ in eine Flüchtlingsunterkunft umgewandelt, um den Anwohnern eine sicherere Rückzugsmöglichkeit zu bieten. Rund 1.000 Flüchtlinge aus Afghanistan und dem Irak leben dort auf sehr engem Raum zusammen. Unabhängig von der Anzahl der Familienmitglieder wird jeder Familie ein Zimmer zugeteilt. Sie sind grundsätzlich mit allem Notwendigen ausgestattet, jedoch mangelt es ihnen vor allem an Hoffnung und Perspektiven.

Erschütternde Geschichten
Die meisten meiner Schüler aus dem Alexander-Hotel waren junge männliche Geflüchtete mit einem bereits hohen Bildungsgrad. In ihrem Heimatland haben sie eine Ausbildung gemacht, sind zur Universität gegangen oder haben sich ein eigenständiges Leben mit Familie und Beruf aufgebaut. Sie sind von äußeren Umständen aus ihrem geordneten Umfeld auf eine Reise ins Unbekannte gedrängt worden.

Die europäischen Regierungen unternehmen leider nicht genug, um diese Situation der Menschen in Not zu verhindern. Die Umstände in den Camps, in denen ich gearbeitet habe, sind nicht angenehm aber immer noch human. Schaut man jedoch auf die südlicheren Regionen oder Inseln wie etwa Lesbos, sieht man von Humanität nicht mehr viel. Über die Zeit habe ich viele Geschichten von Überfahrten sowie Aufenthalten gehört, die mich stark erschüttert haben. Die fehlenden Bemühungen Griechenlands, anständige Bedingungen für die Geflüchteten zu schaffen geht auf die fehlende Ambition der Flüchtlinge zurück, in Griechenland zu bleiben.

Griechenland – ein Zwischenstopp für viele
Erkannt habe ich dies daran, dass die von uns angebotene Griechisch-Stunden immer eher dünn besucht waren. Größeren Zulauf hatten dafür unsere Deutsch- und Englisch-Klassen. Die Mehrheit der Geflüchteten hat nicht vor, mehr Zeit als nötig in Griechenland zu verbringen. Nordeuropäische Länder wie Deutschland oder Großbritannien sind ihre eigentlichen Ziele – Griechenland ist nur ein Zwischenstopp.

Dazu kommt: Die Integration ist sehr mangelhaft. Häufig sind wir als Freiwillige während unserer Arbeit mit rassistischen oder diskriminierenden Parolen konfrontiert worden. Tragischerweise kommt es auch zu gewalttätigen Ausschreitungen zwischen Flüchtlingen aufgrund von mangelnder Privatsphäre und auch zu solchen zwischen Geflüchteten und Einheimischen.

Da das Camp der Flüchtlinge auch weit außerhalb der Stadt liegt und viele von ihnen  nur stockend Griechisch beherrschen, gibt es kaum Berührungspunkte. Natürlich ist auch nicht die Mehrheit der Einwohner von Serres negativ gegenüber der Geflüchteten eingestellt. Als wir einen Aufruf zur Spende von Fahrrädern als Unterstützung der Flüchtlinge gestartet haben, haben sich erstaunlich viele Griechen dazu bereit erklärt, zu spenden. Auch bei dem Fußballturnier, das wir für die Kampagne „FARE-Football against racism“ organisiert haben, war die Partizipation der lokalen Fußballmannschaft überragend.

Es ist daher sehr schade, feststellen zu müssen, dass die Integration der Flüchtlinge meist nur an fehlender Verständigung scheitert. Aus meiner Arbeit habe ich persönlich Einiges gewinnen können und sie hat meine Zeit in Griechenland sehr besonders gemacht. Wichtiger ist jedoch, dass mir die Bedeutung von Flüchtlingshilfe noch bewusster geworden ist. Durch Missstände in unserem Migrations- und Integrationssystem geht die Stimme der Geflüchteten und Menschen in Not häufig unter. Nicht nur in meinem Freiwilligendienst, sondern auch darüber hinaus möchte ich die Reichweite, die ich habe, nutzen, um ihnen diese Stimme zurück zu geben, sodass sie sich endlich Gehör verschaffen können.


Text und Fotos: Elisa Henke

Dieser Beitrag ist Teil einer Reihe. Zum ersten Beitrag von Elisa geht es hier entlang. Teil Zwei beschäftigt sich mit dem Aktivieren der lokalen Bevölkerung und dem Brückenbauen vor Ort.

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