Das Leben in Zeiten der Militärjunta

Anfang Oktober fand in Dassia auf Korfu in Griechenland ein deutsch-griechischer Fachkräfteaustausch statt. Das Thema: Griechenlands jüngere Geschichte, die Zeit der griechischen Junta von 1967 bis 1974 und ihre Gegner. Ein Bericht über das Seminar, das 2020 aufgrund der hohen Nachfrage nochmals angeboten wird.

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Foto: Herbert Swoboda

An dem Fachkräfteaustausch vom 5. bis 13. Oktober 2019 haben jeweils zehn Menschen aus Griechenland und aus Deutschland im Alter ab 18 Jahren teilgenommen. Wir waren im „Wilde Rose Hotel“ in Dassia untergebracht. Für unseren Austausch standen uns sowohl Räume in der Universität Kerkyra als auch im Wilde Rose Hotel zur Verfügung. Prof. Hans-Bernhard Schlumm von der Universität Kerkyra stand uns nicht nur als Referent sondern auch als Dolmetscher zur Verfügung.

Neben den Vorträgen, Diskussionen, Workshops und Filmen zum Thema wurde auch genügend Zeit eingeplant, damit die deutschen und griechischen Teilnehmer*innen sich kennenlernen und gemeinsame Aktivitäten in Selbstorganisation durchführen konnten. Ein Highlight war der Besuch des Musicals „We will rock you“ im Theater in Kerkyra. Die Theater- und Musikgruppe „Metron“ ist der „Wilden Rose“ bereits von gemeinsamen deutsch-griechischen Theater-Workshops bekannt und der Besuch förderte weiter die Zusammenarbeit und Freundschaft.

Das Thema in einem größeren Zusammenhang
Täglich führten Vorträge in einzelne Themenbereiche ein, Filme illustrierten und vertieften diese und regten zu Diskussionen an. Es zeigte sich, dass gerade bei jüngeren Teilnehmer*innen häufig nur geringe Kenntnisse der historischen Ereignisse vorhanden waren. Es wurde Wert darauf gelegt, das Thema – „Die griechische Junta von 1967 – 1974 und ihre Gegner“ – im größeren geschichtlichen und gesellschaftlichen Zusammenhang zu betrachten und zu diskutieren.

Als ein Ergebnis zeigte sich, dass seit der Gründung des neuen Griechenlands (Aufstand 1821 gegen das Osmanische Reich) bis in die jüngere Geschichte hinein die griechische Gesellschaft zerrissen und gespalten war im Kampf demokratischer Republikaner gegen konservative Royalisten. Dies wiederum hatte seine soziale Wurzel in einer langwierigen sozioökonomischen Entwicklung von feudalen und vorindustriellen Verhältnissen hin zu kapitalistischem Wirtschaften. Diese Umgestaltung verwirklichte sich ohne radikalen Bruch durch staatliche Reformen von oben. Noch dazu wurde eine eigenständige ökonomische Entwicklung durch den Einfluss und die Abhängigkeit von verschiedenen europäischen Großmächten zusätzlich behindert. All dies bewirkte, dass Griechenland weitgehend ein Agrarland blieb, in dem die Masse der Bevölkerung auf dem Land in sehr ärmlichen Verhältnissen wirtschaftete und lebte und die proletarische Bevölkerung in den Städten oft ein noch kärglicheres Dasein fristen musste als die ländliche Bevölkerung.

Der Alltag zu Zeiten der Junta
Anschaulich wurde dies durch den Dokumentarfilm des Bayrischen Rundfunks „Löwe und Lamm – Ein Film über Korfu“ von Lis Klatt vermittelt, der den Alltag der Griech*innen zur Zeit der Militärjunta in Korfu aufzeigt. Der Film machte deutlich, wie selbst Ende der 1960er Jahre die meisten Korfiot*innen noch in ärmlichen und weitgehend noch vorindustriellen Verhältnissen lebten und arbeiteten und wie stark vorbürgerliche Traditionen, Einstellungen und Lebensweisen verbreitet waren. Auch regte der Filmkommentar zur Kritik an den damals von deutschen Medien verbreiteten frauenfeindlichen und rassistischen Ansichten gegenüber Roma an.

Ein weiterer Vortrag behandelte das unsagbare Leid bis hin zur völligen Vernichtung der griechischen Juden, das die Besetzung Griechenlands durch NS-Deutschland verursachte und den linken und republikanischen Widerstand gegen die faschistischen Besatzer aus Deutschland und Italien und die mit ihnen kollaborierenden griechischen Eliten. Nach dem Abzug der NS-Truppen 1944 aus Griechenland entwickelte sich erneut – diesmal als Bürgerkrieg bis 1949 – ein Konflikt zwischen linken republikanischen und rechten royalistischen Kräften. Dieser Konflikt prägte – jeweils mit neuen politischen Kräften und Parteien – im Wesentlichen auch die griechische Politik und Gesellschaft in der gesamten Zeitspanne bis hin zum Putsch der Generäle 1967.

Verbrechen aus der NS-Zeit wirken bis heute weiter
In den Diskussionen zeigte sich, wie tiefgehend eine Begegnung zwischen Griech*innen und Deutschen davon geprägt ist, dass die Verbrechen der NS-Wehrmacht, der SS und der NS-Besatzungsmacht in Griechenland bis heute nicht gesühnt sind. Zu diesem Themenkomplex fand auch eine Spurensuche in Kerkyra statt: Besuch der heutigen Synagoge der jüdischen Gemeinde, Gang durch das ehemalige, heute noch teilweise in Ruinen vorhandene ehemalige jüdische Viertel und Gedenken am Mahnmal für die von NS-Deutschland im Juni 1944 deportierten und ermordeten 2000 korfiotischen Juden.

Ein weiterer Vortrag führte ein in die unmittelbare Vorgeschichte der Machtergreifung der Junta Anfang der 1960er Jahre in Griechenland, als das gesellschaftliche und politische Leben durch ein Paradox gekennzeichnet war. Einerseits war Griechenland geprägt durch einen emanzipatorischen Aufbruch in Bildung, Kultur und der Forderung nach demokratischer Erneuerung, der seinen Ausdruck fand in der Zustimmung immer breiterer Kreise der Bevölkerung für die Linken in der Zentrumsunion und für die Vereinigung Demokratischer Linken (EDA). Andererseits jedoch war Griechenland auch geprägt von Machteliten in Militär, Politik, Verwaltung und Ökonomie, die weitgehend noch ihre Wurzeln im Metaxa-Faschismus, der Kollaboration mit den NS-Besatzern und in der konservativ-antiparlamentarischen Monarchie hatten.

Die Unterdrückung der emanzipatorischen Bewegung
Als sehr beeindruckend und informativ fanden die Teilnehmer*innen den Film „Z“ von Kostas Gavros. Er ist die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Vassilis Vassilikos, der die Ermordung des EDA-Politikers Grigoris Lambrakis 1963 in Thessaloniki auf einer Friedenskundgebung und den „Parakrátos“ (den rechtsgerichten Nebenstaat im Staat) zum Inhalt hat.

So entstand auch eine Diskussion darüber, wie es sein konnte, dass die emanzipatorische Bewegung in Griechenland durch den Putsch der Junta unterdrückt werden und die Junta sieben Jahre an der Macht bleiben konnte, während die emanzipatorische Bewegung der Jugend etwa in Frankreich, Italien und Deutschland wichtige gesellschaftliche Veränderungen anstoßen konnte.

Nach einem Überblick über die Maßnahmen der Militärdiktatur in Griechenland von 1967 – 1974 stellten in den folgenden Treffen die Kleingruppen in Vorträgen ihre Ergebnisse zu folgenden Themen dar, an die sich jeweils eine rege Diskussion anschloss:

  • Die Zensur und die Rolle der Medien im Widerstand.
  • Das anti-diktatorische griechische Programm der Deutschen Welle.
  • Von der Unterstützung der Junta bis zur Unterstützung ihrer Gegner durch deutsche Parlamentarier.
  • Günter Wallraffs Solidaritätsaktion in Athen.
  • Zur Solidaritätsbewegung des Rings Bündischer Jugend in Hamburg.
  • Zum Widerstand gegen die Junta im Exil.
  • Verfolgung, Folter und das KZ auf der Insel Jaros und der Roman „Mary“ von Aris Fioretos.
  • Zum Protest der Künstler*innen.

Ein weiteres Highlight des Fachkräfteaustauschs war das Mitwirken und der Besuch der Ausstellungseröffnung der Friedrich-Ebert-Stiftung Athen „Solidarität und Widerstand – Die Unterstützung des Widerstands gegen die Militärjunta“ am 11. Oktober 2019 in der Universität Kerkyra. Besonders gedankt sei an dieser Stelle Frau Monika Berg von der Friedrich-Ebert-Stiftung Athen, die mit viel Engagement diese Ausstellung in Kerkyra ermöglichte. Auf der Ausstellungseröffnung wurde von Prof. Herbert Swoboda ein Solidaritätsplakat des Bundes Deutscher Pfadfinder_innen (BDP) der Universität Kerkyra übergeben, das 1970 auf einem Bundestreffen der Mitglieder*innen des BDP aus Solidarität mit dem Widerstand in Griechenland als Siebdruck hergestellt wurde und die Folter durch die Militärjunta anklagte.

Ein letzter Vortrag stellte einige Beispiele aus der Solidaritätsbewegung der Studenten und Jugendlichen in Deutschland mit dem griechischen Widerstand gegen die Junta vor.

Veranstalter waren Wilde Rose e.V., „Agrio Rodo Youth Association“ und die Deutsche Schreberjugend Bundesverband e.V.

2020 soll das Seminar in Deutschland wiederholt werden. Wir halten auf diesem Blog auf dem Laufenden.

Text: Dr. Peter Milde
Foto: Herbert Swoboda

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