2014 war Thessaloniki European Youth Capital. Die Stadt brummte, vibrierte, Jugendliche sahen wieder mehr Chancen für sich persönlich. Ein Teil dieser Energie ist verpufft: Einigen sind Puste oder finanzielle Mittel ausgegangen. Nicht so bei KEDITH, dem ersten Jugendzentrum der Stadt.

In der Nähe des Konzerthauses hinter dem kleinen Kritis Park im östlichen Teil Thessalonikis gelegen liegt es: Das etwas unscheinbar wirkende Jugendzentrum der Stadt. Kinofelis Epicheirisi Dimou Thessalonikis, kurz KEDITH. Die Einrichtung, die von der Stadt finanziert wird, hat noch einen angegliederten kreativen Kindergarten, eine Suppenküche und ein Alzheimerzentrum in Betrieb. Hohe Mehrfamilienhäuser umgeben das Jugendzentrum, Kinder spielen auf der Straße, Gelächter dringt aus einer kleinen Fischtaverne von schräg gegenüber. Die Menschen hier gehören eher zur Mittelschicht. „Und was ist jetzt besonders an einem Jugendzentrum?“, ist der deutsche Leser geneigt zu fragen – deutschlandweit haben wir schließlich über 16.000 Einrichtungen dieser Art. „Alles“, ist die Antwort von KEDITH, denn es ist das erste seiner Art in ganz Griechenland.
Voneinander lernen
Hinter dem Akronym verbirgt sich ein neunköpfiges Team, das seit Thessaloniki im Jahr 2014 Jugendhauptstadt Europas (EYC) war, viel Leidenschaft und Zeit in sein Projekt steckt – und dabei lernfähig bleiben will. Für Dimitris Georgiadis und Olia Panagiotopoulou ist ihr Arbeitsplatz im Jugendzentrum mehr als nur das Erbe der EYC – es ist ihre Herzensangelegenheit. Das Zentrum bietet jungen Menschen die Möglichkeit Erfahrungen zu sammeln und Fähigkeit auszubilden, die sonst nicht möglich wären. Im Erdgeschoss, am Empfang vorbei, gibt es ein helles, mit Spiegeln und Schminkausrüstung ausgestattetes Zimmer. In den nächsten beiden Stockwerken Arbeitsräume, den Computerraum und einen für das Internetradio. Bald soll der Computerraum ins Erdgeschoss umziehen, denn die Senioren, die von Jugendlichen unterrichtet werden, kommen die Treppen nicht mehr so leicht hoch.

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Dimitris in der Nachbarschaft von KEDITH

„Das Gebäude gehörte der Stadt, die es an uns abgetreten hat“, erzählt Olia auf dem kleinen Rundgang. „Wir haben kleinere Renovierungen gemacht, damit es für unsere Zwecke nutzbar wurde. Damals war es hier viel weniger offen.“ Anfangs musste viel Geld für die Ausrüstung aufgebracht werden und demnächst muss sie schon wieder aktualisiert werden. Jeden Tag ist das Jugendzentrum von 7 bis 21 Uhr geöffnet: „Wir sind sehr stolz drauf, dass die Jugendlichen statt sich im Café oder Park zu treffen zu uns kommen – das ist etwas neues in Griechenland und deswegen müssen wir auch immer wieder neue Programme anbieten“, erzählt Dimitris.

Wie kann man den Pessimismus umkehren?
„Als Griechen erleben wir momentan nicht die beste Zeit“, sagt Olia „und trotzdem versuchen wir Optimismus zu vermitteln, zu zeigen, dass es Lösungsansätze und Freiräume für Kreativität gibt.“ Natürlich gab es in der Geschichte Griechenlands oft schwierige Zeiten, wissen die Initiatoren. „Aber dass daraus auch etwas wachsen kann, also wir den vorherrschenden Pessimismus umkehren können, ist eine Botschaft, die viel zu wenig thematisiert wird“, sind sich Olia und Dimitris einig. Der erste Schritt ins Jugendzentrum ist oft eine Beratung zu Beruf und Studium – das ist der Grund warum Jugendliche überhaupt kommen, nicht etwa der Töpfer-, Koch- oder Selbstverteidigungskurs, der es in Deutschland ist.

Das Internetradio ist eines der Projekte zur Fortbildung, an dem sich viele Menschen beteiligen wollen. Niemand wird ausgeschlossen, auch wenn er schon lang nicht mehr „jugendlich“ ist: „Radio ist ein Format, in dem jeder aktiv und kreativ sein kann. Wenn einer unser älteren, erfahrenen Teilnehmer mal müde wird, kann ein jüngerer einspringen, davon können beide profitieren“, erklärt Olia. 120 Stunden geht die Ausbildung, die 100 Euro Gebühr kostet. „Wenn wir merken, dass es schwierig ist diese zu zahlen, können wir auch Stipendien vergeben. Generell sind wir sehr flexibel beim Kassieren.“ Bis zu 15 Teilnehmer sind es pro Programmrunde. Die Idee ist auch, Teilnehmer über die Grenzen von Thessaloniki hinaus zu erreichen – nicht wenige fahren die 50 Kilometer aus Chalkidiki ins Jugendzentrum jede Woche.

Vermittelbarkeit auf den Arbeitsmarkt oft oberstes Ziel

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Thessaloniki als EYC hat seine Spuren hinterlassen

Vielen der Jugendlichen, die in Jugendzentrum kommen, geht es um eine Berufsausbildung. „Am Anfang sind sie oft zögerlich, wissen nicht was sie erwartet. Manche befürchten, dass sie einen eigenen PC oder Laptop benötigen, um teilnehmen zu können“ erzählt Dimitris, „aber wenn das Vertrauen erstmal da ist, kommen sie und stellen von selbst ihre Fragen.“ Es gibt viele, die sich aus finanziellen Gründen nicht fortbilden können, deshalb gibt es im Zentrum Kurse für Fachkräfte aus den Bereichen Tourismus, Fotografie, IT und Kosmetik. „Wir haben auch mal eine Gärtnerausbildung angeboten, da gab es aber wenig Resonanz. Wir bleiben da in einem stetigen Lernprozess.“ Mit anderen EYC-Städten sind sie in einem Netzwerk für den Austausch, aber insbesondere auf der lokalen Ebene, in den Schulen wollen und müssen sie noch bekannter werden.

Ähnliche Erfahrungen hat auch Dora Dace Zaime vom Youth Centre of Epirus (YCE) gemacht: Sie erzählt, dass es kein Netzwerk von Jugendzentren in Griechenland gibt. Jeder arbeitet für sich selbst, niemand tauscht seine Erfahrungen aus. „Der Epirus ist eine der ärmsten Gegenden der Eurozone. Jugendliche hier haben ein noch viel größeres Risiko soziale Ausgrenzung zu erfahren“, erzählt Dora. Das YCE wurde 2011 etwas außerhalb von Ioannina, der Hauptstadt der Provinz, von jungen Leuten gegründet. „Wir versuchen in allen unseren Aktivitäten junge Menschen in der Region zu erreichen, insbesondere benachteiligte Jugendliche, Migranten, Jugendliche mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen oder aus ländlichen Gebieten.“ Das Angebot umfasst etwa Sprachklassen, Umwelt-Aktivitäten oder Volunteering. Ein Beispiel nutzt Dora oft, wenn sie mit Jugendlichen spricht, um ihnen zu zeigen, dass es lohnt, so ein Angebot zu nutzen: „Einer unserer Jugendlichen, der an einer Aktivität von uns teilgenommen hat und dafür einen youthpass bekommen hat, hat sich bei Ryanair beworben uns wurde daraufhin eingestellt. Er wurde am Standort Kreta eingesetzt und geht jetzt nach Frankfurt – dafür hat Ryanair noch mal nach einer persönlichen Empfehlung bei mir nachgefragt“, erzählt sie. So etwas überzeugt.

Zweites Jugendzentrum für 2017 geplant
Wie grundlegend die Arbeit mit Jugendlichen ist, zeigt auch eine Beobachtung von Olia; „Ich habe bemerkt, dass sich nach dem wir geschlossen haben immer eine Gruppe vor dem Jugendzentrum getroffen hat“, erzählt sie, „nach einer Weile habe ich herausgefunden, dass die Jugendlichen kommen, damit sie bei uns das WLAN nutzen können. Also haben wir sie eingeladen hereinzukommen und es auch dann zu nutzen wenn wir da sind – das hatten sie überhaupt nicht für möglich gehalten.“
In diesem Jahr soll noch ein zweites Jugendzentrum für Jugendliche, Bürger und Freiwillige eingerichtet werden, doch dieses Mal im Westteil der Stadt, wo mehr sozial schwache Familien in Arbeitervierteln wohnen und auch die Universität ist. Von der Stadt aus sollen auch noch mehr  Jugendliche aus dem Großraum Thessalonikis erreicht werden, der immerhin zwei Millionen Menschen zählt. „Wir könnten noch viel mehr junge Menschen erreichen, wenn wir zum Beispiel einen Bus hätten, aber es sind auch Möglichkeiten im e-learning denkbar“, nimmt Olia als Input von den deutschen Kollegen mit.

Text und Fotos: Lisa Brüßler 

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