Wo Mieten günstig sind, zieht es Künstler und Kreative an. Sie experimentieren mit neuen Wirtschaftsmodellen und bringen frischen Wind in eine Stadt. Werden sie gut behandelt, dann kommen sie, um zu bleiben. In Thessaloniki sind sie sich noch nicht sicher. Ein Spaziergang durch die Stadt.

Brauner Rost schimmert unter den grellen Graffiti hervor, Spinnweben dekorieren viele Jalousien in der Innenstadt von Thessaloniki. Geöffnet wurden einige der Ladenlokale wohl schon seit Jahren nicht mehr. Keine Frage: So pulsierend und jung, so lebensfroh die Stadt auch daherkommen mag, ist die Finanzkrise doch auch hier deutlich zu spüren. Räudig wirkt die Innenstadt jenseits der touristischen Pfade, die Straßen sind unaufgeräumt und in den Bars und Clubs verliert sich eine eigentlich motivierte junge Generation Abend für Abend in einem Strudel aus Rotwein und Ouzo.

Arm aber sexy! Wenn dieser Slogan gegenwärtig für eine Stadt zutrifft, dann für die nordgriechische Hafenstadt. Erfunden freilich hat den Spruch der frühere Regierende Bürgermeister Berlins. Die deutsche Hauptstadt kann zwar mit den Griechen in Sachen Kulinarik oder Trinkkultur nicht mithalten. Leerstehende Stadtzentren und eine nach Zukunft dürstende Jugend gab es jedoch vor zehn Jahren auch dort. Seitdem hat sich einiges getan: Dank klugem Städtemarketing und energischer Gründungs-Förderung hat sich Berlin zum Silicon Valley Westeuropas entwickelt. Günstige Mieten, ausschweifende Parties in endlegenen Hinterhöfen und eine quirlige Künstler-Szene haben ganze Stadtviertel umgestülpt. Gentrifizierung heißt der Prozess, der arme sexy Stadtquartiere in ein Mekka für StartUps verwandelt.

Ist auch Thessaloniki arm, aber sexy? Bei der Kreativ-Tour zeigten guides den Teilnehmern das kreative Thessaloniki, also die Orte, wo die Stadt weniger nach Krise und mehr nach Berlin aussehen möchte. Orte wie eine Mode-Boutique in der Innenstadt, die aussieht wie ein Showroom im Stil einer aufgepeppten Fabrik-Halle. Eine Designerin, die früher für größere Labels gearbeitet hat, produziert und verkauft hier ihre eigene Kollektion für Frauen – hergestellt aus Stoffen, die aus Griechenland stammen. Dann eine Art Coworking-Space, dessen Mittelpunkt eine hippe Cafeteria darstellt, um die sich wie um einen Kreisel Foto- und Design-Studios und ein Schmuck-Laden gruppieren. Außerdem eine Manufaktur für Elektro-Fahrräder, ein Comic- und Kreativ-Ateliers und ein Gourmet-Markt für Olivenöl, Kosmetika und Lebensmittel.

„Seit der Finanzkrise merken wir, dass die Griechen sich gegenseitig sehr unterstützen“, sagt Yiannis Gounaridis, der im Künstler-Kreativquartier Egnetia 45 seine Werkstatt unterhält. Aus Silber und anderen Materialien fertigt er Anhänger, Ketten und Wandschmuck. Aus deutscher Sicht sind die Griechen untereinander ohnehin immer sehr hilfsbereit gewesen, die Freunde und die Familie stehen über allem. Doch seit der Finanzkrise gilt es als besonders schick, Waren „Made in Greece“ zu kaufen. Das kommt solchen Kreativ-Orten wie Egnetia 45, der Mode-Boutique oder auch dem Delikatessen-Laden agora sehr entgegen. Dessen Gründungsmitglieder veranstalten diesen Sommer bereits zum zweiten Mal eine Gourmet-Exhibition, eine Art temporären Wochenmarkt im Umland, auf dem nur regionale Produkte angeboten werden.

creativitywalk_tillholland-18

Das hat Thessaloniki in diesen Tagen mit dem Berlin aus den 90ern gemeinsam: Prekarität lockt Kreative, Lebenskünstler und Macher an. Die Comic-Zeichner von Addart, ebenfalls eine Station der Kreativ-Tour, haben sich mitten in der Innenstadt einen lichtdurchfluteten Nerd-Space eingerichtet. Hier werden nicht nur Comis gezeichnet und Miniatur-Figuren gemalt, sondern die Kreativen haben auch einige Storytelling- und Gamification-Module konzipiert, mit denen sie jungen Menschen Bildungsinhalte auf spielerische Weise vermitteln. Heute werden diese Formate von staatlichen Schulen eingekauft. Ähnlich frischen Wind bringen die Macher von Elektroio in die nordgriechischen Hafenstadt. Weil es hier weder Ubahn noch Sbahn gibt und zur rush-hour Auto- und Taxifahrer im Stau ersticken, wollen sie die Griechen dazu bewegen, aufs Fahrrad umzusteigen. Dafür entwerfen sie in ihrer Keller-Werkstatt immer gewagtere Prototypen, immer mit einer elektronischen Komponente, damit das Radfahren auch auf weiten Strecken nicht zu anstrengend wird.

Wird Thessaloniki also das nächste Silicon Valley? So solidarisch die Einwohner Thessalonikis untereinander einkaufen und sich gegenseitig unterstützen, so einhellig schimpfen sie gleichzeitig auf den Staat. Während der Berliner Senat mittlerweile erkannt hat, welch großes Wirtschaftspotential in der StartUp-Szene steckt, macht die griechische Regierung den eigenen Jungunternehmern offenbar das Leben schwer. 40 Prozent des Einkommens müsse ein Selbstständiger derzeit an Steuern zahlen, klagt die Stadtführerin von Handpeak. Und bei Agora erwartet man vom Staat gar nicht erst Unterstützung, im Gegenteil: Die Gründer scheinen froh zu sein, wenn sie vom Staat in Ruhe gelassen werden.

Ein paar tausend Kilometer weiter nordwestlich, in der deutschen Hauptstadt, sinkt der Stern der Kreativitäts-Szene derweil schon wieder. Der Boom der 90er Jahre hatte zu steigenden Mieten geführt. Ehemals arme Künstlerquartiere sind nun wohlhabender geworden, aber leider gar nicht mehr sexy. Gentrifizierung heißt dieser Prozess, der dafür sorgt, dass ganze Stadtviertel nun den Besserverdienenden gehören. Die kreative Szene sucht sich neue Ziele. Das deutsche Leipzig gilt als cool, Lissabon auch, und vielleicht ja bald Thessaloniki.

Text: Michael Metzger, Foto: Till Holland

Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht-kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s