Der Titel der griechischen Originalfassung des Buches lautet: Atheristos Iounios – Distomo 1944, also: der Juni, in dem keine Ernte stattfand. Anhand des Schicksals ihrer Angehörigen beschreibt Kaiti Manolopoulou die Verbrechen durch die deutschen Besatzer. Eine Buchbesprechung von Brigitte Spuller.

Kaiti Manolopoulou stammt mütterlicherseits aus Distomo, einer Kleinstadt in Böotien in Zentralgriechenland, nicht weit von Delphi entfernt. Es ist einer der zahlreichen Orte in Griechenland, an denen Verbrechen an der Zivilbevölkerung durch deutsche Nazi-Besatzungstruppen zwischen 1941 und 1944 begangen wurden. Dem Massaker in Distomo, verübt am 10. Juni 1944 durch die 4. SS-Polizei-Panzergrenadier-Division, fielen 218 Menschen aus der Zivilbevölkerung zum Opfer.

 

IM000031Neben der Geschichte des Ortes und einem Überblick über die faktischen Ereignisse des Massakers beschreibt die Autorin das friedliche und beschauliche Dorfleben vor dem Verbrechen. Sie besuchte in den Ferien häufig ihre Verwandten in Distomo und freute sich besonders über die gemeinsame Zeit mit ihren beiden Tanten, Georgia und Dimitra. Die Autorin berichtet über das dörfliche Leben vor den schrecklichen Ereignissen, das Wirtschaften, das Arbeiten und das Feiern in dem griechischen Dorf. Man erfährt so manches über Sitten und Gebräuche und erhält damit einige volkskundliche Einblicke.  

Anhand des Schicksals ihrer Angehörigen beschreibt sie die Verbrechen des Massakers durch die deutschen Besatzer, bei dem ihre beiden geliebten Tanten und ihr Großvater auf schreckliche Weise ermordet wurden. Kaiti Manolopoulou beschränkt sich aber nicht auf die Darstellung der Betroffenheit ihrer eigenen Familie, sondern lässt auch zahlreiche andere Familien mit ihren Erlebnissen und Schicksalen zu Wort kommen, so dass die Gräueltaten aus vielen verschiedenen Perspektiven dargestellt werden und so ein Gesamteindruck, aufgrund vieler persönlicher Erlebnisse vermittelt wird.

IM000017Im zweiten Teil des Buches geht die Autorin auf verschiedene Bemühungen und Initiativen von Organisationen und Einzelpersonen ein, die Beiträge zur Verständigung und Versöhnung, aber auch zur juristischen und historischen Aufarbeitung der Verbrechen leisteten. Sie beschreibt die Gedenkfeiern, das Mausoleum und das Museum für die Opfer und berichtet über Städtepartnerschaften mit weiteren Opferorten in Griechenland und in anderen europäischen Ländern.

Neben einer Liste der Toten druckt sie Dokumente aus deutschen Quellen ab, die über Einzelheiten des Massakers informieren. In einem eigenen Kapitel wird ein Überblick über den Prozessverlauf der Entschädigungsforderungen vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag gegeben. Kaiti Manolopoulou berichtet auch über Initiativen deutscher kirchlicher Gruppen zum Austausch, zur Jugendbegegnung und zur Versöhnung mit den Familien der Opfer aus Distomo.

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Die Autorin hält zum einen die Geschichte des Massakers von Distomo durch viele persönliche Geschichten, durch alte Fotos und Gedichte wach und würdigt auf der anderen Seite vielfältige Bemühungen um Unterstützung der Opferfamilien und um Versöhnung. Sie weckt Interesse für das Thema und die Schicksale der betroffenen Familien. Das Buch ist leicht lesbar, wenn auch der Stoff nicht leicht zu verdauen ist.

Deutlich wird das Bemühen der Verfasserin, nicht zu polarisieren. Sie lässt die Hinterbliebenen aus eigener Betroffenheit erzählen und ermöglicht damit Verständnis, Annäherung und Empathie. Damit leistet das Buch einen wertvollen Beitrag zur besseren Verständigung zwischen Griechinnen, Griechen und Deutschen.

Die Übersetzung erfolgte durch Michaela Prinzinger, die viele Bücher von Petros Markaris ins Deutsche übersetzt hat. Ihr ist es gelungen, die Botschaft des Buches sehr einfühlend in die deutsche Sprache zu übertragen. Unterstützt und ermöglicht wurde die Übersetzung durch die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Athen, aus meiner Sicht ein Ausdruck des Respekts gegenüber Opfern und Betroffenen und nicht zuletzt gegenüber der Autorin.

Das Buch ist im Verlag der Griechenland-Zeitung erschienen und kostet 19,80 Euro. ISBN 978 – 3 – 99021 – 014 – 7

Nürnberg, August 2016

Text und Fotos: Brigitte Spuller (Diplom-Sozialpädagogin und Ehrenbürgerin der Stadt Distomo)

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