Welche Rolle spielt die Besatzung Griechenlands im Zweiten Weltkrieg für die deutsche und griechische Erinnerungskultur? Dieser Frage ist Professor Constantin Goschler in einem Vortrag auf dem Fachtag Erinnerungsarbeit nachgegangen.

Es ist der Besuch des Bundespräsidenten vor zwei Jahren, der für den Historiker Constantin Goschler ein wichtiges Ereignis darstellt. Joachim Gauck hatte damals zum ersten Mal in einem griechischen Opferdorf um Vergebung gegeben (ein Spiegel-Bericht). Goschler analysiert: „Das Interessante ist, dass er von einer ersten und einer zweiten Schuld spricht.“ Mit der ersten Schuld bezeichne Gauck die Verbrechen selbst und die zweite Schuld sei es – laut Bundespräsident –, dass die Verbrechen über Jahrzehnte verschwiegen und geleugnet wurden.

Als weiteren Akzent habe der Bundespräsident die Entschuldigung in den Mittelpunkt seiner Rede gestellt. „Er verlagert den Diskurs weg von der Entschädigung“, sagt Goschler. Statt um Reparationszahlungen solle es um Verständigung gehen. „Nicht mehr Schuld und Schulden, sondern Entschuldigung und Versöhnung“ stünden im Vordergrund, sagt Goschler.

Es ist der Ausweg aus einer schwierigen und umstrittenen geschichtspolitischen Frage – nämlich die Frage nach Entschädigung, die von Deutschland für die Kriegsverbrechen in Griechenland gezahlt werden sollen, wie beispielsweise einige griechische Politiker es fordern. Außerdem geht es um den Zwangskredit, den Deutschland von Griechenland erhalten hatte. Zum Auftakt des Fachtages für Erinnerungsarbeit im deutsch-griechischen Jugendaustausch in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück referierte der Historiker Goschler zu dem schwierigen Thema. 

Unterschiedliche Sicht auf Geschichte

Schon bei der Perspektive auf die Geschichte unterscheide sich die Wahrnehmung zwischen Deutschland und Griechenland grundsätzlich, sagt Goschler.

Während des Kalten Krieges gehörten die beiden Länder zum gleichen Lager der Nato. Abseits dessen wurden auf deutscher Seite „alte Klischees“ am Leben gehalten, etwa bei der Darstellung der Widerstandskämpfer. „Die Partisanen waren sehr nah beim Teufel“, spitzt Goschler es zu. Dadurch habe man im Nachhinein die Gewaltexzesse legitimieren wollen.

Aus griechischer Sicht stand die deutsche Schuld lange im Hintergrund, eben weil sich die beiden Länder in dem gleichen Lager der Kalten-Kriegs-Parteien befanden.  Die Sicht auf Bulgarien, das ebenfalls einen Teil von Griechenland besetzt hatte, fiel somit gravierender aus. Den Bulgaren gegenüber prangerte Griechenland die „Besatzungsgräuel“ explizit an – während die Nato-Partner Deutschland und Italien eher verschont blieben. Es sei von der griechischen Politik außerdem eine Appeasement-Politik verfolgt worden in der „Hoffnung auf wirtschaftliche Hilfe“.

Streit um die Wirkung des Vier-plus-Zwei Abkommens

Nach Ende des Kalten Krieges entflammte die Diskussion um Zahlungen wieder: Seit 1990 gebe es nun einen Streit um die Wirkung des Vier-plus-Zwei-Abkommens. Denn im Londoner Schuldenabkommen aus dem Jahr 1953 war vermerkt, sobald ein Friedensabkommen zustande kommt, müssten die Deutschen die Reparationen zahlen.

Dieser bekannte Streit hat sich dann „verrechtlicht“, wie es der Historiker Goschler nennt. Denn es folgten zivilrechtliche Klagen in Deutschland, Griechenland und Italien. Der Gerichtshof in Den Haag gab damals die Entscheidung zurück an die Politik. Das war 2012.

Goschler sieht den Ansatz von Gauck als einen Ausweg aus diesem Streit. Dem gegenüber stehen „im Schatten der Schuldenkrise“ formulierte Forderungen für Entschädigungen und Zurückzahlung des Zwangskredits.

„Die professionelle Erinnerungskultur wird als ein Weg gesehen, um den juristischen und politischen  Streitigkeiten ein alternatives Modell zu geben“, sagt Goschler. Das sei enorm wichtig. Der Historiker endet mit dem moralische Schlussappell: „Miteinander reden und voneinander lernen ist sicherlich ein guter Weg, um weiterzukommen.“

Professor Dr. Constantin Goschler lehrt an der Ruhr-Universität Bochum am Lehrstuhl für Zeitgeschichte. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören: Transitional Justice, Wiedergutmachung und Erinnerungskultur in Europa.

Ein weiterer Bericht über den Fachtag ist auf der Seite des IJAB zu finden.

Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht-kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz. Foto: Caspar Tobias Schlenk

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