Auf zu neuen Ufern: Abenteuer Freiwilligendienst in Griechenland (1)

Elisa Henke macht einen Europäischen Freiwilligendienst im griechischen Serres. In der NGO PRAXIS arbeitet sie seit September 2019 mit Geflüchteten. Auf agorayouth schreibt sie eine kleine Serie über ihre Erlebnisse. In Teil Eins beschreibt sie, warum für sie Unterschiede zwischen Menschen unterschiedlicher Nationalitäten und Kulturen immer mehr verschwimmen.

Der Entschluss, nach meinem Abitur ins Ausland zu gehen, stand schon lange vor dem konkreten Plan eines Europäischen Freiwilligendienstes (ESK) in Griechenland fest. Ich wollte persönliche Grenzerfahrungen machen und meine Selbstständigkeit auf die Probe stellen, bevor es für mich in Richtung Universität gehen soll. Ein längerer Aufenthalt im Ausland erschien mir als die beste Möglichkeit, Erfahrungen zu sammeln und kulturelle Vielfalt zu erleben. Das Angebot für einen ESK bei PRAXIS in Griechenland hat mir wegen der Schwerpunktsetzung auf Migrations- und Flüchtlingshilfe am meisten zugesagt. Daher habe ich mich im Sommer 2019 dafür entschieden, für sieben Monate als Freiwillige in Serres zu arbeiten – und habe dies nie bereut. 

Seit September vergangenen Jahres bin ich nun Teil der NGO, die in Kooperation mit der Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO) agiert und ihren Sitz in Serres hat. Unser PRAXIS-Team könnte multikultureller und bunter nicht sein: Junge Menschen aus verschiedenen Nationen und mit diversen Hintergründen arbeiten dort als Freiwillige. Obwohl ich zuvor schon einige Male über längere Zeit im Ausland gewesen bin, ist der tägliche Umgang in einem so internationalem Umfeld eine Besonderheit: Mit einer Vielzahl an Kulturen konfrontiert zu sein, hat mich Einiges über meine eigene Nationalität und Kultur gelehrt.

Was heißt überhaupt Deutsche zu sein?
Inwiefern unterscheide ich mich damit von anderen Europäern oder Weltbürgern? Tatsächlich sind die Unterschiede meist sehr viel kleiner als unsere Gemeinsamkeiten. Kleine Angewohnheiten und Verhaltensweise sind die auffälligsten Differenzen zwischen den verschiedenen Kulturen in meinem Umfeld. Griechenland als Gastland meines Freiwilligendienstes hat mich zudem sehr geprägt.

Serres, das in der Region Mazedonien im Norden Griechenlands liegt, ist kein besonders touristischer Ort. Anders als die griechischen Inseln oder Athen ist es eine kleine Stadt, deren Bevölkerung beinahe homogen griechisch ist. Knapp 60.000 Menschen leben hier.

Der Großteil meiner Arbeit bei PRAXIS besteht aus der Unterstützung von Flüchtlingen. Alleine in Serres leben einigen tausende Menschen in Camps am Rande der Kleinstadt, sodass sie mangelhaft in die Gesellschaft integriert sind. Innerhalb der griechischen Bevölkerung stoßen unsere Projekte hin und wieder auf Widerstand. Die meisten Einwohner sind eher konservativ geprägt, da das Thema Migration in den griechischen Medien negativ behaftet ist. Häufig werden Geflüchtete mit der griechischen Wirtschaftskrise in Verbindung gebracht, wenn nicht sogar als Schuldige dieser angesehen. Mehr dazu werde ich euch im dritten Artikel dieser kleinen Serie berichten.

Proeuropäische Zukunft
Während der sechs Monate, die ich bis jetzt in Serres verbringen durfte, hat mich die griechische Jugend jedoch davon überzeugt, dass die Zukunft Griechenlands progressiv und politisch ist. Viele junge Griechen sind entschlossen, dem in anderen europäischen Ländern verbreiteten Vorurteil gegenüber Griechenland als „EU-Land zweiter Klasse“, entgegen zu wirken. Ähnlich wie Jugendbewegungen in anderen Ländern sehen sie die Zukunft proeuropäisch, auch um bevorstehenden Konflikten die Stirn bieten zu können.

Auch wenn es politische Herausforderungen in Griechenland gibt, bin ich als europäische Freiwillige sehr freundlich in Serres aufgenommen worden. Gastfreundschaft gegenüber Fremden und Großzügigkeit sind Charakteristika der griechischen Bevölkerung, die meinen Freiwilligendienst maßgeblich positiv beeinflusst haben. Je mehr ich versucht habe, mich durch erste Kommunikationsversuche auf Griechisch in die griechische Gesellschaft zu integrieren, desto herzlicher wurde ich aufgenommen.

Mein Europäischer Freiwilligendienst war für mich ein Sprung ins kalte Wasser. Manchmal hatte ich auch Angst vor meiner eigenen Courage und habe mich gefragt, wieso ich es mir nicht einfacher gemacht habe. Ich kann jedoch mit Gewissheit sagen, dass es der einzige Weg ist, in so kurzer Zeit so viel Neues über sich selbst und andere zu lernen. Ich bin mir sicher, dass mich die letzten Monate stark bereichert haben. Nicht nur habe ich persönlich Einiges lernen können und mich weiterentwickelt, ich spreche nun auch Griechisch, bin an einigen Herausforderungen gewachsen und mir der Bedeutung von internationalen Beziehungen bewusst geworden.

Umgibt man sich für so eine lange Zeit mit derartig vielen Kulturen und Nationalitäten, scheinen Unterschiede irgendwann zu verschwimmen. Angesichts der Konflikte, die globale Krisen hervorrufen werden, ist klar, dass auch nur global gehandelt werden kann. Programme wie Erasmus+ und Freiwilligendienste bilden für mich die Basis für eine neue Generation, die nicht mehr nur national denkt.

 

Dieser Text ist Teil einer dreiteiligen Serie. Im zweiten Blogbeitrag geht es um Elisas Arbeit mit internationalen Kampagnen und Medien bei PRAXIS.

Text und Fotos: Elisa Henke

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